: Sabrina Beutler
: Bezan Gadesh Band 1
: Books on Demand
: 9783769381702
: Bezan Gadesh
: 1
: CHF 8.80
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 694
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Nach Toha-Tsu und Maka Pilau geht die Geschichte weiter! Eine neue Zukunft verlangt nach neuen Strategien, Werten und in manchen Fällen sogar Identitäten. Denn die Suche nach Frieden ist kein bisschen einfacher als es die Jagd nach Sicherheit war und verlangt nicht nur Mut und Kreativität, sondern auch ungewohnte Ressourcen wie Demut, Geduld und Empathie. Eine Herausforderung, die den Protagonisten alles abverlangt!

1.


Ok, dachte Mitch und atmete tief durch. Dann wollen wir mal. Er stand vor dem Haus seiner Eltern in Hampton. Oder besser das Haus seines Vaters. Mehr war von seiner Familie nicht mehr übrig, seit sein Vater seine Mutter erschossen hatte. Eine zivile Polizeistreife einige Häuser weiter bewachte das Grundstück, für den Fall, dass sein Vater hier auftauchen sollte. Kaum zu fassen, dass sie den Kerl wirklich nicht finden, dachte Mitch. Er war davon ausgegangen, dass wenigstens das FBI irgendwann darauf kommen würde, wohin er sich verkrochen hatte.

Mitch schloss die Haustür auf und betrat die Stille des Hauses. Es war nie ein Zuhause gewesen. Für niemanden. In der Umgebung seines Vaters gab es sowas nicht, und ob der Kerl selbst zu solchen Empfindungen in der Lage war, bezweifelte Mitch. Aber leer war das Haus nie gewesen. Die permanente Spannung zwischen dem Hass des Vaters und der zerrissenen Mischung aus Angst und verzweifelter Liebe der Mutter hatte jeden Winkel ausgefüllt und einem das Atmen schwer gemacht.

Übrig geblieben war das hier. Eine Gruft.

Mitch schloss die Tür hinter sich und hängte die Jacke an einen Haken. Die erste Tür auf der linken Seite führte in die Küche. Mitch wollte dort nicht hin, aber er fand, dass er musste. Es nicht zu tun, wäre unanständig gewesen.

Und da war sie. Auf dem Küchentisch. Die Urne mit der Asche seiner Mutter. Hallo, dachte Mitch. Ich bin‘s. Ich hoffe, es ist ok. Aber eigentlich ist es mir egal. Ich werde tun, was ich tun will. Ich werde das Haus auf den Kopf stellen und klauen, was ich haben will. Und dann werde ich nie wieder hier herkommen. Aber dich nehme ich mit. Versprochen. Wir haben noch was vor, wir beide. Ob es uns passt oder nicht.

Mitch sah sich um. Die Küche war immer der einzige Ort gewesen, wo er seine Mutter gespürt hatte. Schon immer. Schon damals, unten an der Küste, wo er aufgewachsen war. Eine winzige Ecke, wo sie sich hatte manifestieren können. Mitch sah sich um. Er erkannte sie im Blumenmuster auf der Küchenschürze. Er erkannte sie im vertrockneten Strauß auf dem Fenstersims. Er erkannte sie in der Art und Weise, wie das Geschirr gestapelt und das Besteck sortiert war. Die Küchentücher fein säuberlich aufgehängt. Die Gewürze alle mit dem Etikett nach vorn. Mitch wusste, dass sie nicht sonderlich gern gekocht hatte. Die Küche war nicht ihr Reich gewesen, auf das sie stolz gewesen wäre. Vielmehr ihr Rückzug. Die einzige Ecke, die seinem Vater so dermaßen egal gewesen war, dass er keinen Fuß hinein gesetzt hatte. Das, was hier fein sauber und liebevoll aufgeräumt wirkte, war Janes Äquivalent von Strichen an der Wand eines Kerkers. Selbstbeschäftigung. Ablenkung. Bis hin zur totalen Realitätsverleugnung.

„Darum wollte ich hier nicht rein“, murmelte Mitch an die Urne gewandt. „Warum in aller Welt bist du stattdessen nie einfach gegangen.“

Mitch verließ die Küche. Er wusste, dass es nicht stimmte. Sie war gegangen. Schlussendlich. Mit ihm. Als es für ihre Söhne keine Rolle mehr gespielt hatte. Und sie hatte ihre Flucht mit dem Leben bezahlt.

Mitch begann seine Plünderung im Estrich. Von oben nach unten, dachte er. Systematisch, pragmatisch und effizient. Und das wäre dann vermutlich mein Äquivalent zu Strichen an einer Kerkerwand, dachte er. Struktur. Bloß kein Chaos. Alles unter Kontrolle. Man tut, was man kann. Er suchte etwas ganz bestimmtes. Und dazu standen die Chancen im Dachstock sowieso am besten.

Die nächsten Stunden grub Mitch sich durch alte Erinnerungen. Viel war nicht da. Seine Mutter hatte über die Jahre und Umzüge nicht viel retten können. Umso kostbarer war das, was da war. Dann setzte er seine Suche in der oberen Etage fort. Das Schlafzimmer seiner Eltern streifte er nur kurz. Das Büro des Vaters. Mitch fand den Schlüssel zu seinem Safe und blätterte sich durch das, was der Mann als wertvoll erachtet hatte. Neben einem beträchtlichen Stoß Bargeld und einer Pistole waren das ausschließlich seine Belobigungen und Beförderungspapiere vom Militär. Wertloser Mist. Mitch legte alles zurück und schloss wieder ab.

Er war gerade mit dem Wohnzimmer im Erdgeschoss durch, als es an der Tür klingelte. Gutes Timing, dachte er und ging in den Flur. Er öffnete, und vor ihm stand Joe Tack. An den Anblick gewöhnt man sich nie, dachte Mitch und merkte, wie seine bedrückte Stimmung sich lichtete. Joe trug noch immer seinen rechten Arm geschient und am Körper fixiert, aber die grauenhaften Blutergüsse und Schürfwunden in seinem Gesicht klangen allmählich ab.

„Alter, sag nicht, dass du hier aufwachsen musstest“, sagte Joe zur Begrüßung und sah die Straße hinauf und hinunter, als fürchtete er einen Terroranschlag.

„Nein“, lachte Mitch. „Ich zog lange vorher nach Kabul.“

„Na, zum Glück“, sagte Joe.

„Komm rein“, schmunzelte Mitch. „Du findest Kabul eine bessere Wohngegend als das hier?“

„Vor zwanzig Jahren? Auf jeden Fall! Das war nur Krieg. Das hier ist…“ Er fand kein passendes Wort und schüttelte sich stattdessen.

„Eine saubere, amerikanische Wohnsiedlung“, sagte Mitch. „Hier drin geht‘s weiter.“

Joe trat ein und sah sich um.

„In der Tat“, kommentierte er staubtrocken die konservative und stockpatriotische Inszenierung im Flur. „Wow. Das sind gleich zwei Präsidenten.“

„Reagan und Bush“, nickte Mitch. „Wir können auch gleich los. Ich packe kurz mein Zeug zusammen. Sieh dich ruhig um, in dem Höllenloch.“

„Es gibt Dinge, die will man nicht sehen“, sagte Joe und folgte ihm in die Küche.

Mitch packte die Urne in seinen Rucksack, wo er seine restliche Beute schon verstaut hatte.

„Bist du echt mit dem Bus gekommen?“, fragte er.

„Fast vier Stunden“, ächzte Joe und studierte die Aussicht in den Garten. „Pendeln will man das nicht.“

„Nein“, gab Mitch ihm recht. „Aber du wirst ja auch nicht in Washington stationiert sein.“

„Zahnarzt war auch kein Spaß“, nuschelte Joe. „Aber immerhin habe ich wieder Zähne.“

„Das war heute?“

„Heute saß ich im Bus, Kerl. Gestern. Und noch mehr Palaver mit den Bullen. Man kann nicht in einem Gerichtsgebäude um sich schießen, ohne danach darüber sprechen zu müssen. Offenbar. Die sind ganz fasziniert davon.“

„Du kriegst doch nicht Probleme, deswegen?“

„Quatsch. Es war Notwehr vor zahllosen Zeugen und mehreren Kameras, und ich habe niemanden gefährdet.“

„Außer dich selbst.“

„Fang mir nicht auch noch damit an, Mitch“, seufzte Joe. „Ich hatte keine Chance, aus der Deckung was zu treffen. Und keine Zeit zum Warten. Die hätten uns zu Hackfleisch geschossen! Denkst du eigentlich mir macht sowas Spaß?!“ „Ich weiß, ich weiß“, wehrte Mitch ab. „Ich wollte dich nicht auch noch verhören. Gehen wir?“

„Bist du schon soweit?“

„Ja.“ Mitch hob seinen Rucksack vom Boden. Es war kaum was drin. „Keiner von uns will länger hier sein als nötig.“

Joe sah zum Rucksack, dann zu ihm und wieder zurück.

Täusche dich nicht, dachte Mitch. Das Gepäck ist riesig. Einfach nicht das, das du sehen kannst.

„Ich richte mich nach dir“, sagte Joe.

„Ich weiß“, grinste Mitch. „Ich bin der mit dem Auto und der zweiten Hand. Du hast keine andere Wahl.“

Joe verdrehte die Augen.

„Und du wohnst mit deinem Herzblatt und deiner Mutter in meinem Haus“, sattelte Mitch genüsslich einen oben drauf.

„Und wem gehört Red Bull?“, ging Joe darauf ein.

Mitch wiegelte ab.

„Ich glaube, der gehört momentan am ehesten deiner Mutter“, sagte er. „Die Frage ist, als was.“

„Worauf willst du hinaus?“, knurrte Joe herausfordernd.

„Nichts, nichts! Ein Haustier tut jedem gut. Vermutlich. Vielleicht bringt er ihr ja Gefechtstaktik bei. Mich geht‘s nun wirklich nichts an. Gehen wir.“

Mitch floh, bevor Joe reagieren konnte. Joe folgte ihm.

Draußen auf der Straße schloss er die Tür hinter sich ab, fest entschlossen, damit auch all das hinter sich zu lassen, wofür sie stand.

„Um ehrlich zu sein, ich genieße es, dass ihr bei mir wohnt“, gab er zu, als sie zusammen die Straße hinunter gingen, wo sein Auto geparkt war.

„Wirklich?“, hakte Joe nach. „Es war eine kühne Einladung, sowas kann schon mal daneben gehen.“

„Ja“, gab Mitch zu. „Von allein in den eigenen vier Privatwänden zu gestapelt mit vier Dauergästen ist… ein bisschen verrückt, vielleicht. Aber ihr seid ok. Es fühlt sich gut an. Nicht für immer, das wäre zu eng, aber für jetzt.“

Joe legte ihm kurz eine Hand auf die Schulter.

„Danke“, sagte er. „Ich wüsste nicht, wo ich Zohal stattdessen...