Was die geltende Norm, also „normal” im Wortsinn, ist, wird entweder willkürlich festgelegt – oder es bestimmt sich durch das, was die Mehrheit befürwortet, was am häufigsten vorkommt oder wie die meisten sich verhalten. Ein Standard wird festgelegt oder ergibt sich aus den Umständen, wird akzeptiert, dann verbreitet angewendet und ist schließlich allgegenwärtig. Was also Normalität ist, ist keineswegs gottgegeben oder vorgezeichnet, sondern ändert sich ständig durch Vorgaben und äußere Umstände – und seine Verfestigung in der Gesellschaft ist ein dynamischer Prozess. Um das an einigen Beispielen zu verdeutlichen, kannst du dir vor Augen führen: Noch in den 1970er-Jahren war es ganz normal, dass in Restaurants, im Büro und in der Bahn geraucht wurde, dass die Menschen ohne Gurt in hohem Tempo über die Autobahn fuhren und Frauen nur arbeiten durften, wenn das „mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar” war. Bis 1969 standen homosexuelle Handlungen in Deutschland gemäß §175 unter Strafe, der erst 1994 gänzlich aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde, und bis 1990 durften im Kanton Appenzell Innerrhoden in der Schweiz Frauen nicht wählen gehen. All das scheint uns schon jetzt, also nur wenige Jahrzehnte später, wie aus der Zeit gefallen und alles andere als normal, sogar zum Teil absurd, und das ist sehr gut so. Es zeigt vor allem, wie schnell sich gesellschaftliche Normen verändern können. Was heute noch völlig unvorstellbar ist, kann morgen schon