Kapitel 2
Die junge Frau stand vor der Tür und hielt eine Flasche Wein im Arm. Polly holte sie rasch aus dem schneidenden Wind herein, nahm ihre Hand und begrüßte sie herzlich. Michelle schien um die dreißig zu sein. Sie trug ihre langen schwarzen Haare nach hinten gekämmt. Ihr Parfum wehte in kleinen Wolken heran, die bernsteinfarbenen Augen leuchteten aus dem ungetrübten Weiß. Sie war schön, was aber nicht in einer Regelmäßigkeit der Züge begründet lag, sondern in einer Aura des Exotischen, die sie umgab.
»Hallo«, sagte sie. »Ich war schon so darauf gespannt, euch kennen zu lernen. Tom hat mir viel von euch erzählt!«
»Bitte glauben Sie kein Wort von dem, was er sagt«, meinte Polly mit einem Seitenblick auf ihren Mann; mit einem Mal fühlte sie sich unsicher. Was findet so ein junges Mädchen an Tom, überlegte sie. Und dann fragte sie sich: Was mag er ihr bloß über uns erzählt haben?
Rory, der lautlos aus dem Esszimmer herbeigekommen war, zeigte sich plötzlich von seiner höflichsten und liebenswürdigsten Seite; er führte den Gast ins Wohnzimmer, wo Jason den Fernseher abgestellt hatte und nun den Versuch unternahm, sich möglichst unauffällig aus dem Staub zu machen.
»Das ist unser jüngerer Sohn Jason«, sagte Polly. Jason schüttelte Michelle die Hand, murmelte, er müsse noch einen Aufsatz fertigschreiben, und verließ verlegen den Raum.
Rory übernahm das Ausschenken der Getränke. Michelle entschied sich für ein Glas Weißwein. Polly fragte, wie es Tom ginge, was er mache, ob bei ihm alles in Ordnung sei. Michelle antwortete nicht sofort. »Es geht ihm gut ... Er ist sehr beschäftigt ...«
»Wir haben uns vor Jahren zerstritten«, erklärte Polly, die meinte, ihrem Gast müsse es merkwürdig erscheinen, derart ausgefragt zu werden. »Es war wirklich albern, aber nach einer Weile bekommt so etwas eine Eigendynamik – und dann erscheint es einem unabänderlich ...«
»Das passiert in solchen Situationen immer, wenn man nicht gleich etwas dagegen tut!«
Polly war sich bewusst, dass die junge Frau sie musterte. Bin ich zu dick?, fragte sie sich. Oder habe ich einen Schmutzfleck im Gesicht? Was hat Tom ihr erzählt? Dass wir nicht richtig verheiratet sind? Dass ich ein Spatz