Hotel della Principessa,
Venedig
2. Juli 1914
Mein lieber alter Junge,
ich schreibe dir im Bett sitzend – einem wahrhaft riesigen Bett – in einem Palazzo mit Blick auf eine belebte Wasserstraße. Das Gebäude vereint orientalische und mediterrane Stilelemente und ist auf einem wasserumspülten Fundament aus Eichenpfeilern errichtet. Auf dem Fensterbrett stehen Geranien, durch die Läden fällt Licht auf den Mosaikfußboden. Draußen schwappt das Wasser über die Stufen; schwarze Gondeln liegen dort und warten, schwarzen Schwänen gleich. Der Duft von Kräutern und Gewürzen erfüllt die Luft. Klingt das nicht, als weilte ich in einem kleinen Paradies, und nicht in einem Stadthotel an der Adriaküste?
Wir sind vor zwei Wochen eingetroffen. Norditalien ist ein Land der Gegensätze: spiegelglatte Seen, majestätische, schneegekrönte Berge – so ganz anders als die nebligen Hügel und Wiesen der Heimat. In Como hielten wir uns drei Tage auf. Von dort ging es weiter nach Mailand, anschließend in die alten Städte Verona und Padua, jetzt Venedig. Als Nächstes reisen wir nach Florenz, dann nach Rom. Ich würde dir gerne die ganze Reise schildern, aber es gibt so viel zu erzählen, dass es bis zum nächsten Brief warten muss. Als Reisegefährten haben wir einen Landsmann gewonnen, Monsignore Dillon aus Limerick, derzeit im Dienste des Heiligen Stuhls. In Venedig besucht er ein Haus, das seinem Orden gehört, und einige Freunde, eine Familie di Robenico. Sie entstammen einem alten Kaufmannsgeschlecht und besitzen an der Rio San Bernardo ein großes Haus, wo wir als Freunde des Monsignore kürzlich, nach einer Gondelfahrt, stilvoll dinierten. Der Monsignore wird uns auch nach Rom begleiten; das trifft sich gut, da er die Landessprache fließend spricht und mit Italienern von Rang bekannt ist. Ich will nicht verschweigen, dass deine Mutter über diese Aussicht nicht entzückt ist, doch ich habe betont, dass die Vorteile bei weitem die Nachteile überwiegen. Sie hält sich außerordentlich gut angesichts der Anstrengungen unserer Reisen; ihre Begeisterung und Energie scheint keine Grenze zu kennen. Ich für meinen Teil hüte heute das Bett; nichts Ernstes, ein leichtes Fieber, wahrscheinlich auf Erschöpfung zurückzuführen, doch auf diese Weise habe ich die Muße, zur Feder zu greifen. Ich weiß, dass ich dich in letzter Zeit vernachlässigt habe, und ich muss dir unbedingt etwas erzählen.
Als ich im Gespräch mit dem Monsignore anmerkte, in dieser außergewöhnlichen Stadt spüre man den Atem des Mittelalters, weihte er mich ein wenig in die verborgene Geschichte Venedigs ein und ließ durchblicken, dass er mit dem gottlosen Treiben des siebzehnten Jahrhunderts aufs Beste bekannt sei. Er machte viel Aufhebens davon und dabei ein Gesicht wie einer, der nicht alles preisgibt, was er weiß. Dann sprach er von Venedigs einstiger Stellung als freier Stadt, um schließlich mit gesenkter Stimme von einem Inquisitor zu berichten, der vor feiten hier gewirkt habe; dieser Diener der Kirche soll seiner Religion abgeschworen und sich der Magie und okkulten Praktiken zugewandt haben. Dieser angeblich große Magier schuf oder entdeckte ein merkwürdiges Artefakt, das zum Brennpunkt seiner Macht wurde.
Weiter heißt es, der abtrünnige Priester habe seine Seele für dieses Artefakt verkauft, das nun von bestimmten Würdenträgern der Stadt verzweifelt gesucht wird. Es wurde bis in die Gegenwart verborgen gehalten, um schlief lieh auf mysteriöse Weise zu verschwinden; offenbar wurde es von Unbekannten gestohlen. So zumindest lautet die Darstellung des Monsignore. Er erzählte uns diese Geschichte bei Tisch im Speisesaal der di Robenicos, einem prachtvollen Raum mit Mosaiken und Gemälden an den Wänden.
Meine Umgebung interessierte mich viel mehr als die weitschweifende Erzählung meines Nachbarn, und ich vermutete, dass seine Redseligkeit auf das Zusammentreffen des edlen Antinori, dem er reichlich zusprach, mit der ausufernden irischen Fantasie zurückzuführen war; dennoch hörte ich ihm geduldig zu. Dann spitzte unser Gastgeber, ein vornehmer Herr mittleren Alters,