Kapitel 2
überfordert
Der nächste Morgen beginnt mit purem Stress, denn ich erwache eine halbe Stunde später als sonst. Anscheinend habe ich vergessen, meinen Wecker zu stellen.
Schnell bürste ich mein schulterlanges, dunkelblondes Haar und fasse es zu einem Pferdeschwanz zusammen. Anschließend tausche ich den Schlafanzug gegen Jeans und T-Shirt, dann schlüpfe ich in meine neuen blauen Chucks. Während ich die Schnürsenkel des zweiten Schuhs binde, hüpfe ich auf einem Bein ins Bad, putze mir die Zähne und betone meine blaugrauen Augen mit ein wenig Make-up. Das muss reichen, auch wenn ich mir am liebsten eine Papiertüte über den Kopf stülpen würde. Der Spiegel zeigt unbarmherzig die Spuren einer unruhigen Nacht. Der seltsame Vorfall gestern Abend spielte dabei aber keine Rolle.
Statt schnell einzuschlafen, habe ich mich im Bett herumgewälzt und mir Gedanken gemacht, mit welchem coolen Spruch ich Jan kundtun könnte, dass mir die Aktion mit der Kaffeetasse keineswegs peinlich ist. Verschiedene mehr oder weniger witzige Wortspiele sind mir eingefallen:
Glück gehabt, dass sie mich nicht für die krasse Tasse zur Kasse gebeten haben. – Hihi, da habe ich wohl eine fliegende Untertasse erschaffen. – War das nicht ganz fan-tasse-tisch gestern?
Bei Tageslicht betrachtet denke ich nicht, dass ich meine kreativen Ideen an den Mann bringen werde. Am besten lasse ich die ganze Sache unter den Tisch fallen – genau wie meine Tasse.
Argh.
Wahrscheinlich messe ich der Blamage viel zu viel Bedeutung bei. Er erinnert sich bestimmt nicht mehr an den Vorfall. Wer weiß, ob ihm überhaupt bewusst ist, dass ich auf seine Schule gehe. Jüngere Schüler sehen für die älteren alle gleich aus. Das kann ich aus Erfahrung sagen.
Nachdem ich mir also selbst glaubwürdig versichern kann, dass keinerlei Gefahr besteht, gebe ich mir einen Ruck und mache mich auf den Weg.
Die ersten beiden Stunden verlaufen ereignislos. Immerhin nimmt mir meine Deutschlehrerin ab, dass ich die Hausaufgabemündlich gemacht habe. Die hektische Handyrecherche kurz vor Unterrichtsbeginn hat sich definitiv gelohnt.
Meine Freundinnen scheinen sich von der vermeintlichen Spukerscheinung erholt zu haben, insbesondere Laro ist aufgedreht und gut gelaunt wie immer. Dennoch vermeiden wir das Thema, als bestünde eine stillschweigende Übereinkunft, nicht mehr darüber zu sprechen.
Je näher die Pause rückt, desto nervöser werde ich. Vergeblich versuche ich, mich zu beruhigen. Er wird mir nicht über den Weg laufen. Das passiert schließlich an den übrigen Tagen nur dann, wenn ich absichtlich an den Räumlichkeiten der Oberstufe vorbeischlendere. Trotzdem verbringe ich die Pause im Panik-Modus, drehe mich ständig um und werfe so lange wilde Blicke in die Gegend, bis mich Viv fragt, ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte. Herzlichen Dank für die Erinnerung. Offensichtlich bin ich nicht die Einzige, die sich an schlechten Wortspielen versucht.
Natürlich taucht Jan nicht auf. Sowohl in den Pausen als auch nach Unterrichtsschluss bleibe ich von einer Konfrontation verschont.
Zu Hause angekommen stelle ich mir die Reste vom gestrigen Abendessen in die Mikrowelle. Während ich ungeduldig auf die langsam rotierenden Käsespätzle im Innern des Geräts blicke, sinniere ich über Zeitphänomene. Wenn man versucht, trotz Verspätung den Bus zu kriegen, verfliegen zwei Minuten in Sekundenschnelle. Wartet man jedoch hungrig aufs Essen, kann die gleiche Spanne eine Ewigkeit sein. Ich hypnotisiere den Teller.
Nun mach schon, du blödes Teil! Ich habe Hunger!
Die Mikrowelle gibt einen lang gezogenen Piepton von sich.
Na endlich. Die erste Gabel schiebe ich mir stehend in den Mund, dann besinne ich mich auf meine gute Erziehung und setze mich an den Küchentisch.
Drei Schultage muss ich bis zu MirisSchool’s out-Party überstehen, mit der wir den Beginn der Osterferien feiern. Sie hat den gesamten Jahrgang samt Anhang eingeladen. Ich gehe davon aus, dass Jan ebenfalls da sein wird, denn Denise wird garantiert in männlicher Begleitung erscheinen. Natürlich wird sie den ganzen Abend nicht die Finger von ihm lassen. Na gut. Das würde ich genauso machen, wenn dieser Leckerbissen mein Freund wäre.
Spontan fasse ich den Plan, auf der Party etwas ganz Besonderes zu machen. Ich werde zur Abwechslungnicht negativ auffallen und mich nicht in irgendeiner Form blami