Kapitel 1
erwacht
Als Erstes kehren die Geräusche zurück. Das leise Ächzen des Holzes, das Rauschen der Blätter, das Zwitschern der Vögel. Anschließend die Gerüche. Das herbe Aroma feuchter Tannennadeln vermischt mit dem Duft frischer Erde. Der würzige Nachhall eines Lagerfeuers.
Mein Kopf schmerzt, als wäre ich in vollem Tempo an eine Steinmauer geprallt. Außerdem ist mir kalt. So kalt, dass ich nur mit Mühe ein Zähneklappern unterdrücken kann.
Abrupt öffne ich die Augen und schaue auf eine dunkle Oberfläche. Bevor ich meinen Blick scharf stellen kann, steigt Übelkeit in mir auf, sodass ich schnell die Lider senke.
Wo bin ich? Was ist passiert?
Zögerlich rufe ich mir die letzten Stunden ins Gedächtnis und zucke zusammen, als der Ansturm der Erinnerungen schonungslos über mich hereinbricht. Mein Magen verkrampft sich, und erneut muss ich höchste Konzentration aufbringen, um mich nicht zu übergeben.
Unsere gemeinsame Nacht. Der Verlust der Flagge. Der Streit mit Lea. Ihr unbedachtes Weglaufen. Die anschließende Suchaktion. Ich atme tief durch. Raphael bewusstlos am Feuer. Raphael unter Wahrheitszwang, gegen den ich nicht das Geringste unternehmen konnte. Ravin, der mich mühelos kontrollierte. Der sich als natürlicher Former all die Jahre an der Akademie versteckt hielt. Er führte seine Fokussierung so meisterhaft aus, dass ich nicht einmal auf die Idee kam, mich zur Wehr zu setzen. Raphaels Versuche, mich aus der Manipulation zu befreien. Sein Streitgespräch mit Ravin, bei dem er versuchte, mich zu retten. Grenzenlose Angst. Alles verschlingende Wut. Die Erinnerung an eine nie stattgefundene Vergewaltigung. Wie konnte ich das glauben? Raphael leblos am Boden. Das unvorstellbare Entsetzen, das mich in die Realität zurückholte. Dem es gelang, mich für einige Sekunden aus Ravins Kontrolle zu reißen. Die doppelte Fokussierung. Ravins Verjüngung. Der letzte, verzweifelte Versuch, Raphaels Leben zu retten, das ich zuvor ausgelöscht hatte.
Meine Kehle wird eng, und ich dränge die aufsteigenden Tränen zurück. Ich muss wissen, was mit Raphael geschehen ist. Ich brauche Klarheit. Vorsichtig öffne ich die Augen und stöhne, als eine gesamte Steinlawine von meinem Herzen fällt. Raphael. Seine Anwesenheit erfüllt mich mit heftiger Dankbarkeit. Er lebt. Ich habe ihn nicht umgebracht. Zumindest nicht dauerhaft.
Überwältigt von den Empfindungen, die er in mir auslöst, betrachte ich sein Gesicht. Neben intensiver Zuneigung erkenne ich vor allem Erleichterung, aber auch tief empfundene Sorge. Für einen Moment versinke ich in seinem stahlblauen Blick. Das Gefühlschaos in meinem Innern ist so groß, dass es mich für einige Sekunden sogar von meinem desolaten Zustand ablenkt.
»Hannah«, flüstert er rau und atmet tief durch. »Dem Himmel sei Dank.«
»Hey«, krächze ich dumpf und lasse mich angestrengt zurücksinken. Die minimale Bewegung schickt einen erneuten Brechreiz durch meine Eingeweide. Magensäure steigt mir in die Speiseröhre, und ich schlucke widerstrebend.
»Was ist geschehen?«, würge ich hervor, während ich unter halb geschlossenen Lidern die Umgebung prüfe. Ich liege an der erkalteten Feuerstelle in der Mitte unseres Lagers, den Kopf in Raphaels Schoß gebettet.
»Du warst etwa zwei Stunden bewusstlos«, entgegnet dieser sanft. »Dorian und Norwin haben uns durch den halben Wald geschleppt.«
Liebevoll streicht er mir eine meiner kurzen Haarsträhnen aus dem Gesicht.
»Sie ist wach«, ruft er gedämpft jemandem außerhalb meines Sichtfeldes zu. Unter Aufbietung sämtlicher Kraft kämpfe ich mich in eine sitzende Position hoch. Das Hämmern in meinem Kopf steigert sich zu einem ohrenbetäubenden Dröhnen. Mein Magen krampft sich zusammen, doch ich versuche, der Qual nicht nachzugeben. Erschöpfung, Übelkeit und Schmerz liefern sich einen heftigen Kampf um die Vorherrschaft in meiner Wahrnehmung. Mein Gesichtsfeld verschwimmt. Verzweifelt konz