Kapitel 3
verwandelt
Nachdem Elric gegangen ist, starre ich noch lange auf die Tür. Es gibt keinen Plan. Er hat mich an der Akademie eingeschleust, ohne ein brauchbares Konzept im Hinterkopf zu haben. Zu allem Übel bin ich nicht sicher, wie erfolgreich der Wahrheitszwang war. Die Geschichte um Levander hat mich derart aus der Bahn geworfen, dass ich die Fokussierung völlig vergessen habe. Ich stöhne verzweifelt. Mir bleibt nichts als die Hoffnung, die Zeit hier irgendwie unbeschadet zu überstehen.
Zögerlich richte ich mich auf und schaue in dem kleinen, fast quadratischen Zimmer umher. Am Kopfende des Bettes steht ein kleiner Nachttisch. Das Glas und die Flasche, die darauf positioniert wurden, rufen mir unangenehm ins Gedächtnis, dass viel Zeit seit meinem letzten Schluck Wasser vergangen sein muss. Ich fühle mich regelrecht ausgetrocknet und habe mit einem Mal unglaublichen Durst. Vorsichtig lehne ich mich zur Seite, fülle das Glas und stürze es in einem Zug hinunter. Nachdem ich zweimal nachgeschenkt habe, ist zumindest das akute Bedürfnis nach Flüssigkeit gestillt.
Mit wackligen Schritten nähere ich mich der Zimmertür und fahre mit den Fingerspitzen über die raue Oberfläche. Langsam drücke ich die Klinke hinunter. Abgeschlossen. Das Teil bewegt sich keinen Millimeter. Resigniert drehe ich der Tür den Rücken zu und mustere den Rest des Raumes. Neben dem Schreibtisch erkenne ich einen Durchgang, der mit einem fahlgelben Vorhang abgetrennt ist. Vermutlich das Badezimmer. Neben mir befindet sich ein Schrank aus hellem Holz, der den Großteil der linken Wand einnimmt. Unentschlossen öffne ich eine der Türen. Obwohl ich mit dem Inhalt gerechnet habe, weiche ich verstört einen Schritt zurück. Fast alle Fächer sind gefüllt. Wahllos ziehe ich eines der fein säuberlich zusammengelegten Kleidungsstücke heraus und falte es auseinander. Das müssen die Sachen von Gwendolin Merz sein.
Ich schaue an mir herunter. Blaue Röhrenjeans mit einem dunklen Gürtel, der locker um meine Hüfte geschlungen ist, dazu ein enger, hellgrauer Wollpullover mit Kapuze. Unauffällige schwarze Turnschuhe. Die Kleider einer Toten? Hastig unterdrücke ich die aufsteigende Beklommenheit und schaue mich weiter um. Keine Spur meiner persönlichen Besitztümer. Fahrig öffne ich die Schubladen des Schreibtisches. Weißes Papier, einige Bleistifte, der Grundriss eines Gebäudes, anscheinend der Lageplan der Akademie. Sonst nichts.
Automatisch werfe ich einen prüfenden Blick auf mein Handgelenk. Na toll. Man hat mir meine Uhr abgenommen, sodass ich keine Ahnung habe, wie lange ich schon hier eingesperrt bin. Entmutigt lasse ich mich auf den einzigen Stuhl im Zimmer sinken, stütze die Ellbogen auf die Schreibtischplatte und vergrabe den Kopf in den Händen. Im selben Moment, in dem ich meine Haare berühre, erstarre ich. Hysterisch springe ich auf und haste ins Bad, das sich tatsächlich hinter dem Plastikvorhang befindet.
Für einige Minuten stehe ich regungslos vor dem Spiegel, umklammere mit den Händen den Waschbeckenrand und starre fassungslos mein Abbild an. Mein Gehirn weigert sich, den Anblick zu akzeptieren. Meine Haare. Meine schönen, dunkelblonden Haare, die ich seit meiner Kindheit schulterlang trug, sind einem Kurzhaarschnitt gewichen. Und als ob das alleine nicht schlimm genug wäre, hat man sie auch noch hellblond gefärbt. Ich sehe furchtbar aus. Tränen steigen mir in die Augen. Reicht es nicht, mich von meiner Familie zu trennen, mich einzusperren, mir alles zu nehmen? War es wirklich nötig, mich dermaßen zu entstellen? Ich habe weder um die Aufnahme an dieser bescheuerten Akademie noch um den dämlichen Haarschnitt gebeten!
Wütend schlage ich mit der Faust so oft gegen die Wand neben dem Spiegel, bis mir die Knöchel wehtun. Danach fühle ich mich geringfügig besser. Die Schmerzen helfen mir, einen klaren Kopf zu bekommen, sodass ich mich wieder auf das Wesentliche konzentrieren kann. Lange, dunkelblonde Haare weichen einem weißblonden Kurzhaarschnitt. Wen interessiert die Optik? Aus Hannah Sophie Reichenau wird Gwendolin Merz. Als ich erschöpft im Wald lag, war ich sicher, dass mein Weg zu Ende sein würde. Ich sollte mich über die unverhoffte Chance freuen. Ich sollte mich glücklich schätzen, dass ich am Leben bin. Im Gegensatz zur wahren Gwendolin Merz, die vermutlich dankbar wäre, ihren Namen noch tragen zu dürfen. Ich scheine meiner Umgebung nur Unglück zu bringen. Jan. Seinem Team, insbesondere dem Former im Wald. Gwendolin Merz.
Die nächsten Stunden verbringe ich mit düsteren Mutmaßungen, während ich außerdem versuche, mich nicht in Schuldgefühlen zu verlieren. Meine innere Uhr ist komplett ausgehebelt. Wegen der fehlenden Fenster ist die Tageszeit unmöglich erkennbar, was mich völlig aus der Bahn wirft. Noch nie war ich so orientierungslos wie jetzt. Also liege ich bewegungslos auf dem Rücken und stiere mit glasigen Augen an die weiße Decke.
Nach einer Ewigkeit schaffe ich es,