: Erich Mühsam
: Peter Bürger
: Das große Morden Texte gegen Militarismus und Krieg
: Books on Demand
: 9783819271281
: edition pace
: 1
: CHF 4.50
:
: Politik
: German
: 516
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
"Zeitwende! Das Wort führt jetzt jeder Esel im Munde, dem die Zeit noch niemals etwas gewendet hat. Das Schicksalsjahr 1915! Voll Stolz und Selbstgefühl wird dieser 1. Januar begrüßt. Dass er bestimmt ist, eine Epoche fortzusetzen, die die Vernichtung von Millionen Schicksalen bedeutet, fällt den Hanswürsten nicht ein" (Erich Mühsam, Tagebucheintrag vom 1. Januar 1915). Eine Minderheit unter den linken Friedenstauben, die den Kurs angeben möchte, präsentiert sich heute überaus handzahm und liebenswürdig. Höflich appelliert man an die Regierenden des Erdkreises, die Ausgaben für das Militärische doch bitteschön allüberall um Zehntel zu senken. Kaum ist der weise Ratschlag ausformuliert, haben die Welt-Kriegsertüchtiger dem globalen Rüstungsbudget schon wieder eine weitere Billion hinzugefügt. Angesichts der staatstragenden Zähmungen, die nur noch mehr Traurigkeit verbreiten, kann das hier vorgelegte Lesebuch als Ermutigung zur Streitbarkeit gelesen werden. Es führt starke Texte gegen Militarismus und Krieg aus der Feder des anarchistischen Schriftstellers Erich Mühsam (1878-1934) zusammen. Berücksichtigt werden Gedichtbände, Essays, Tagebucheinträge, Nachlass-Schriften (Abrechnung, 1916/17) und ein unvollendeter Roman (Mann des Volkes, 1921-1923). Am Vorabend des Ersten Weltkrieges diagnostizierte der Dichter:"Mit zwei Milliarden Mark muss jährlich die Henne gefüttert werden, die unter dem Namen'Deutsche Wehrmacht' ... herumgackert. Jetzt ist sie mit einer Extramilliarde noch fetter aufgeplustert worden und beansprucht infolgedessen fortan noch erheblich mehr Getreidekörner aus den Ackern des deutschen Volkes als bisher. Der Geflügelzüchter Michel ... merkt nicht, dass das meschuggene Huhn ihm nichts als Kuckuckseier in den Stall legt. Eines guten Tages aber wird es ihm schmerzlich fühlbar werden, wenn nämlich der zärtlich gepflegte'bewaffnete Friede' an Überfütterung krepiert, seine Küken aber auskriechen und sich die missgestalteten Kreaturen als Krieg, Hunger und Pestilenz über das Land ergießen" (Februar 1914). edition pace. Regal: Pazifisten& Antimilitaristen aus jüdischen Familien 9, herausgegeben und bearbeitet von Peter Bürger.

Erich Kurt Mühsam (geboren am 6. April 1878 in Berlin; ermordet am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg): Anarchist, Dichter, Publizist und Antimilitarist."Als Sohn eines jüdischen Apothekerehepaars in Berlin geboren, betätigte sich Erich Mühsam ab 1901 als freier Schriftsteller und Literat" (anarchismus.at)."Als politischer Aktivist war er 1919 maßgeblich an der Ausrufung der Münchner Räterepublik beteiligt, wofür er zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt wurde, aus der er nach 5 Jahren im Rahmen einer Amnestie freikam. In der Weimarer Republik setzte er sich vorübergehend in der Roten Hilfe für die Freilassung politischer Gefangener ein. Seine politische Heimat fand er seit Mitte der 1920er Jahre in der'Anarchistischen Vereinigung'. - In der Nacht des Reichstagsbrandes wurde er von Nationalsozialisten verhaftet, und am 10. Juli 1934 wurde er von der SS-Wachmannschaft des KZ Oranienburg ermordet" (wikipedia.org; 15.05.2025). Mühsam war befreundet u.a. mit Gustav Landauer (ermordet 1919), Heinrich Mann, Frank Wedekind und Lion Feuchtwanger. Er gab die Zeitschriften"Kain" (1911-1914, 1918/19) und"Fanal" (1926-1931) heraus. Seine streitbaren Texte wider Militarismus und Krieg finden sich in Lyrik-Bänden, den politischen Essays, Tagebuchaufzeichnungen, der Schrift"Abrechnung" (1916/17) und dem unvollendeten Roman"Ein Mann des Volkes" (1921-1923).

„Wir töten, wie man uns befahl, …
für Vaterland und Kapital,
für Kaiser und Profit“

Gedichte gegen Krieg und Knechtung

O WELCHE LUST, SOLDAT ZU SEIN

1903

Soldat sein heißt: Zu jeder Zeit

an gottgefällig reinem Leben

an Sitte und Gehorsamkeit

der Welt ein gutes Beispiel geben;

und unbedingt muß weit und breit

die Stimme man zum Lob erheben,

wenn man vernimmt, was Preußens Staat

für prächtige Soldaten hat.

Ein jeder Knopf ist blank geputzt,

ein jedes Beinkleid stramm gefaltet,

ein jeder Schnurrbart forsch gestutzt –

das kommt nur, weil so schneidig waltet

der Vorgesetzte, wenn beschmutzt

er einen Rock sieht und veraltet.

In diesem Fall steht’s bombenfest:

Der Übeltäter kriegt Arrest!

Denn der Herr Hauptmann ist gewillt,

daß tadellos sei seine Truppe.

Ist’s nicht der Fall, der Zorn ihm schwillt.

Die Füsilier genannte Puppe

sei darum unentwegt gedrillt

wie es geschieht, das ist ihm schnuppe,

dafür weiß ja der Herr Sergeant

manch Mittel, das sonst unbekannt.

Der Große, Warnecke und Kisch,

die Hüssener und andre Leute,

die zeigten uns, wie jugendfrisch

der Militärgeist ist von heute.

Was jüngst an der Gerichte Tisch

Verhandelt ward – wen das nicht freute,

dem fehlt der rechte Sinn und Geist

für das, was Schneid und Ehre heißt.

Was liegt an einem Magenpuff,

an einem Stoß der Degenscheide?

Was liegt daran, trifft dich ein Puff

In eine Lende oder beide?

Und wenn auch wirklich wer im Suff

Durchpikt dir deine Eingeweide –

so wolln wir doch begeistert schrein:

O welche Lust, Soldat zu sein!

D ǀDer Wahre Jacob, 28. Juli 1903.

DER FRIEDLICHE MICHEL

1904

Hört man nicht in allen Reden

feierlich den Krieg befehden?

Und besonders bei Visiten

an den Höfen fremder Fürsten –

fühlt man in den Redeblüten

nicht die Welt nach Frieden dürsten?

Stets gebärdet Michel sich

ringsherum freundnachbarlich.

Ja, das Deutsche Reich entschieden

ist beflissen auf den Frieden.

Doch – wenn die Hereros wollen

nicht gehorchen bis aufs Jota,

sie die Frechheit büßen sollen,

und man schickt den Herrn von Trotha!

Dennoch aber sag’ ich euch:

Friede sinnt das Deutsche Reich!

Ja, der Kriegsgott liegt am Bändel,

und wir suchen nirgends Händel.

Dieses ward jüngst in Saarbrücken,

in Karlsruh’ und Mainz gepredigt,

und wir sehn, wie mit Entzücken

alles friedlich sich erledigt.

Kriegsschiff und Kanone ruht –

wenn der Andre uns nichts tut!

Doch, da haben wir den Haken!

Unterm weißen Friedenslaken

schlummern so geheime Kräfte,

wo wir niemals wissen können,

ob man nicht als Flintenschäfte

sie wird eines Tags erkennen. – –

Drum, ob man auch milde spricht –

Ich – trau diesem Frieden nicht!

D ǀDer Wahre Jacob, 14. Juni 1904.

ICH BIN EIN PILGER …

1904

Ich