: Micha Hagfors
: Unterstrømung
: Books on Demand
: 9783819220746
: 1
: CHF 7.00
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 190
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
25 zumeist dänische Novellen über Leute, die eigentlich ganz bequem leben - wäre da nicht die Unterströmung, die fast unsichtbar mit großer Kraft am Schicksal zieht und den Lebensweg herausfordert. Da muss man sich stellen, ob homo, lesbisch, bi oder hetero, jeder muss mit dem Hintergrund, den er nun mal hat, zusehen, wie er weiterkommt. Manchmal muss gekämpft werden, manchmal sind es die zarten Berührungen, die den größten Effekt haben. UNTERSTRØMUNG dreht sich um die schweren und die leichten Veränderungen, ums über- und weiterleben, und letzten Endes um die Freude am Sein. Aus dem Inhalt: Ein Mann fährt zuhause los. Zum Bewerbungsgespräch. Unterwegs rettet er ein Leben. Aber was ist los mit seinem eigenen? Ein Weltstar geht auf Tournee. Alles ist fertig vorbereitet. Aber da liegt dieser verdammte Schuh im Weg... in 13-jähriges Mädchen erschreckt: da bewegt sich was im Gebüsch. Wer hilft ihm über den Schock hinweg? Und die Einsamkeit? Ein lesbisches Paar zieht in ein altes Fachwerkhaus auf dem Land. Warum wollen die Dorfbewohner nicht mit den Beiden sprechen? Und wer nimmt die Sache in die Hand? Ein Schlachtermeister verschwindet. Wohin? Was passierte in der Nacht in der Fleischerei? Ein Mord geschieht. Der Tote hat sowas geahnt. Und dafür gesorgt, dass die Regierung in zwei Wochen ein ernsthaftes Problem bekommt.

Micha Hagfors (1961), deutsch geboren, dänisch geworden, lebt mit seinem norwegischen Ehemann in Kopenhagen. Er wuchs in einer katholischen Familie erst in Siegen, dann in Hannover auf, wurde schon in seinen frühen Teenagerjahren anti alles und ziemlich queer. 1995 emigrierte er nach Dänemark. Entgegen seiner ursprünglichen Visionen wurde er irgendwann bei der Polizei angestellt. Anschließend arbeitete er mehr als 20 Jahre dort und trug stolz zur Vielfalt in der ansonsten heterosexuell dominierten Welt der Polizei bei.

Im Tunnel


Nur noch 300 Meter. Ich laufe so schnell ich kann. Ich laufe und laufe und laufe. Warum bin ich nur so dick? Meine Knie müssen die ganzen Kilos tragen, und mein Puls rast bis zum Hals, ich habe keine, absolut keine Kondition - jetzt sind es nur noch 275 Meter. Der Rauch hat mich eingeholt, ich keuche und huste. Während ich laufe, hole ich ein Taschentuch aus meiner Hosentasche, halte mir es vor Mund und Nase, laufe, versuche Luft zu kriegen, kämpfe mich vorwärts. Kann mein alter Körper das aushalten, meine Knie, meine Lunge, mein Herz – kann ich das schaffen? Ich renne um mein Leben.

Nachdem der Junge nach Oslo gezogen war, war es still geworden im Haus. Ich hatte an seinem Zimmer nichts verändert, nachdem er gegangen war. Alles sollte so bleiben, wie es war. Das kleine Kätzchen, das wir ihm geschenkt hatten, blieb hier auf dem Hof. Er sollte sich weiterhin bei seinem alten Vater willkommen fühlen, die Tür stand ihm immer offen.

Es zeigte sich jedoch, dass er selten zu Besuch kam. Er hatte eine Freundin gefunden und eine Menge Freunde und Kommilitonen, und er studierte, wie er sagte, die ganze Zeit. Der Junge lebte jetzt sein eigenes Leben, in dem natürlich kein Platz war für den alten Vater, der nur in seinem Wohnzimmer saß und dem Ticken der Standuhr lauschte und nicht viel anderes tat, als vom Wohnzimmerfenster aus auf die Berggipfel von Rondane zu gucken, die von der Abendsonne in warme Farben getaucht wurden. Hier oben in den Bergen wechselte das Licht ständig. Oft hingen Wolken über den Berggipfeln, und manchmal zog von Westen eine Wolkenwand auf, die wenig später alles in weißen Nebel hüllte. Danach dauerte es nicht lange, bis die Sonne wieder durch die Wolkendecke brach und das Licht milchig weiß wurde. Ein Schauspiel!

Aber sonst: Hier draußen auf dem Land passiert nicht viel. Vor ein paar Tagen kam Tor Arne vorbei. Genau wie ich leidet er an Arthritis, aber was schlimmer ist: sein Gedächtnis lässt nach. Es handele sich um Demenz im mittleren Stadium, hatte der Arzt gesagt.

„... aber diese Ärzte übertreiben ja immer. Das wird schon wieder,“ sagte er mit seinem typischen Starrsinn in der Stimme.

Ich nickte, obwohl ich das mit den Ärzten eigentlich ein bisschen übertrieben fand. Seine Zuversicht muss ich ihm jedoch hoch anrechnen. Und er hatte ja recht: