: Tim Meyer
: Strom Über Nostalgie, Zukunft und warum der Markt längst entschieden hat
: Books on Demand
: 9783819290039
: 3
: CHF 8.80
:
: Geowissenschaften
: German
: 288
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Strom geht uns alle an. Doch die Diskussion über seine Zukunft ist viel zu politisch. Der Energiesektor steckt inmitten einer industriellen Revolution. So wie die Dampfmaschine die Pferdekraft verdrängt hat, das Auto die Kutsche oder das Smartphone das Handy, stellen heute erneuerbare Energien, Batteriespeicher und Elektroautos weltweit die Märkte auf den Kopf. Aber warum findet diese Revolution statt - und wird sie erfolgreich sein?"STROM" erklärt die Zusammenhänge unter der Oberfläche: warum industrielle Massenfertigung von"Clean Tech" das Alte überrollt, was China damit zu tun hat, vor welchen Herausforderungen für Markt und Netze wir in Deutschland stehen und warum zu ihrer Bewältigung auch ein Kultur-Update erforderlich ist. Der breite Blick auf industrielle, energiewirtschaftliche und gesellschaftliche Logiken vergangener und aktueller Fortschritte liefert eine überraschend positive Aussicht: Der Markt ist unser stärkster Verbündeter und hat längst den Durchbruch für eine klimaneutrale Energiezukunft geschaffen. Doch wollen wir im internationalen Wettbewerb noch"vor die Welle" kommen, müssen wir diese Chance endlich ergreifen: für unsere Wirtschaft und fürs Klima.

Seit über 25 Jahren analysiert und entwickelt Tim Meyer neue Geschäftsmodelle, Produkte und Technologien rund um das, was wir heute Energiewende nennen. Der promovierte Elektroingenieur ist seit seinem Studium Anfang der 90er-Jahre überzeugt von den Vorteilen erneuerbarer und dezentraler Energiesysteme. Die mit ihnen verbundenen Herausforderungen, aber auch die gewaltige Entwicklungsdynamik und die Potentiale dieser"Clean Tech" hat er als Manager, Geschäftsführer und Vorstand in ungewöhnlicher Breite und Tiefe kennengelernt: technologisch als Abteilungsleiter für Systemtechnik am Fraunhofer ISE sowie später als Technikvorstand eines integrierten Solarkonzerns. Kaufmännisch als Geschäftsführer in der internationalen Entwicklung und Finanzierung von Wind- und Solarparks sowie einer Servicegesellschaft für erneuerbare Energien. Energiewirtschaftlich als Gründer eines Start-ups für innovative Stromversorgungslösungen und später als Vorstand der Naturstrom AG. Strategisch und kommunikativ als Marketing-Leiter, langjährige Führungskraft und gefragter Kopf der neuen Energiewelt. Seit 2022 ist Tim Meyer mit 3EPunkt als Berater für Unternehmen der Energiewirtschaft, Hersteller, Banken und Projektentwickler tätig. In Vorträgen und Postings (über 32.000 Follower bei LinkedIn) erläutert er Hintergründe, globale Markttrends und wirtschaftliche Chancen der Energiewende.

KAPITEL 1


UNSERE WIRTSCHAFTLICHE ZUKUNFT BEGINNT JETZT


Der Startpunkt unserer Reise ist besonders, nicht die Richtung


Spätestens seit der Energiekrise der Jahre 2021 bis 2023 ist die Energiewende eine der Generalverdächtigen bei der Frage, wie die auffällige Schwäche der Deutschen Wirtschaft im internationalen Vergleich zu erklären ist. Gern ist die Rede von »Deindustrialisierung«, vom »Deutschen Sonderweg«, von einer »Geisterfahrt« gar. Tatsächlich steht Deutschland – im Angesicht des Wegfalls russischer Gaslieferungen, gestiegener Energiepreise und des Klimawandels – stärker als viele europäische Nachbarn wirtschaftlich unter Druck. Also ja: Wir spielen eine Sonderrolle. Doch eine andere, als gern behauptet wird. Das Blöde: Mit der falschen Analyse zieht man falsche Schüsse und ergreift die falschen Maßnahmen. Daher brauchen wir zunächst eine ehrliche Bestandsaufnahme des »spezifisch Deutschen« der Energiekrise. Diese fördert drei Hauptgründe für eine tatsächliche Sonderrolle Deutschlands zutage:

Besonderheit #1: hoher Industrieanteil


Erstens lebt die deutsche Wirtschaft im europäischen Vergleich noch relativ stark von industrieller Produktion. Und industrielle Produktion lebt unter anderem von international wettbewerbsfähigen Energiepreisen. Andersherum leidet sie, wenn Energiepreise steigen. Tun sie das dauerhaft und kompensieren andere Standortfaktoren dies nicht ausreichend – also zum Beispiel die Verfügbarkeit von Fachkräften, rechtliche Rahmenbedingungen, Zugang zu Kapital etc. –, werden Produktionsstandorte in andere Regionen und Länder verlegt. So weit die simple betriebswirtschaftliche Logik.

In Deutschland erwirtschaftet die Industrie noch rund 19 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts (ohne den Bausektor). In Ländern wie Frankreich, den Niederlanden, Spanien oder Großbritannien liegt der Anteil nur noch zwischen 8 und 11 Prozent, in Italien und Dänemark bei bis zu 16 Prozent.8 »Nur noch« bedeutet: Früher hatte die Industrie natürlich auch in diesen Ländern eine größere Bedeutung. Doch als Teil der Globalisierung und der weltweiten Verlagerung industrieller Produktion in Länder mit niedrigen Energie- und Lohnkosten, Umweltauflagen etc. sind unsere europäischen Nachbarn schon stärker »deindustrialisiert« als Deutschland. Und damit auch nicht mehr ganz so stark betroffen, wenn industrielle Fertigung unter gestiegenen Energiepreisen leidet.

Aber wie haben wir es nur geschafft, so viel mehr Industrie in Deutschland zu halten? Sind unsere Unternehmen, das technologische Umfeld, unsere Fachkräfte, Ingenieurinnen und Ingenieure einfach besser? In einigen Branchen gilt das sicherlich: Deutschland ist stark in Technologie und Fertigung. Unzählige »Hidden Champions« gibt es über das Land verstreut, also Marktführer in ihren spezifischen technologischen Nischen. »Made in Germany« hat nicht ohne Grund einen besonderen Klang in der Welt. Doch mit Blick auf die Großindustrie gab es einen weiteren, wichti