Nadine
10. Dezember 2029
Das Licht im Badezimmer war gedämpft, als Nadine eintrat. Ein Gefühl der Müdigkeit umgab sie, während sie sich aufraffte, um sich die Zähne zu putzen und den Tag hinter sich zu lassen. Es war erst 20 Uhr, doch das Zubereiten ihrer Mini-Tiefkühlpizza hatte sie mehr Kraft gekostet, als sie erwartet hatte. Die Schmerzen in ihren Gliedern ließen sie kaum noch sitzen. Trotz der schweren Krankheit, die sie seit einigen Jahren begleitete, war es ihr ein Bedürfnis, die Pflege ihrer Zähne nicht zu vernachlässigen. Oft kam ihr der Gedanke: Wenn der Rest des Körpers schon immer schwächer wird, sollen wenigstens die Zähne im bestmöglichen Zustand bleiben.
Der Gedanke an den Tag, an dem sich ihr bis dahin sorgenfreies Leben radikal ändern sollte, schlich sich auch heute in ihr Gedächtnis. Es war während der COVID-19-Pandemie. Am 5. Januar 2021 wurde das große Impfzentrum in Hamburg eröffnet, jedoch wurden zur Impfung zunächst nur Risikogruppen eingeladen, vor allem ältere und besonders gefährdete Menschen. Nadine hatte ihren ersten Impftermin am 8. April 2021, als 22-Jährige ohne Vorerkrankungen musste sie einige Wochen warten. Drei Wochen später folgte die zweite Injektion. Sie war eine von mehr als 600.000 Menschen, die sich in den Messehallen von Hamburg impfen ließen. Der gesamte Ablauf glich einer Massenabfertigung. Die Einverständniserklärung, die sie im Vorfeld per E-Mail erhalten hatte, sollte sie unterschrieben zum Termin mitbringen. Schlichte Trennwände verwandelten die Halle in ein Labyrinth aus Kabinen.
Der Ablauf war monoton, fast wie ein unheilvolles Ritual. Man meldete sich an, gab die unterschriebene Einverständniserklärung und den Impfpass ab und wurde dann in eine der Kabinen geleitet. Nach kurzer Zeit erschien der Impfarzt. Nadine konnte seine Gesichtszüge kaum erkennen, die Maske verdeckte fast das gesamte Gesicht. N