Kapitel 1 – Bastion Omega
Elena öffnete am Hals den Reißverschluss ihres Overalls ein wenig, da ihr heute viel zu warm war, und starrte auf den türkisfarbenen Ozean, über dem sich ein azurblauer Himmel erstreckte. Seevögel zogen leise kreischend in der Ferne ihre Runden, und die Brandung erzeugte ein sanftes Rauschen, während die Wellen über einen fast weißen Strand rollten.
Elena blieb mitten im Gang stehen, schob die Daumen unter die Träger ihres Rucksackes und starrte auf die wundervolle Szene.
Alles … nur … Fake. Oder doch nicht?
Schwermütig holte sie Luft, da sie unendlich viele Fragen und keine Antworten hatte. Nur eines wusste sie mit Gewissheit: Sie hasste das Leben im Bunker.
Warum zeigte ihnen die Obrigkeit diese schönen Videos in Dauerschleife? Damit sich die Bewohner weniger eingesperrt fühlten?
Elena bekam nur noch größere Sehnsucht, die Welt dort oben entdecken zu wollen. Hatte die Küste von Neuseeland vor hundert Jahren wirklich so ausgesehen?
Sie machte einen Schritt auf das Meer zu, bis sie fast mit der Nasenspitze gegen den gigantischen Bildschirm stieß, der eine komplette Wand einnahm. Dann tauchte sie ab in ihre alternative Realität und malte sich aus, sexy Rook in ihre Geheimnisse einzuweihen. Er würde sie nicht an die Obrigkeit ausliefern, da er sie heimlich liebte, sondern mit ihr aus dem Bunker fliehen, um mit ihr zu diesem Strand zu gehen. Dort würden sie gemeinsam im Wasser plantschen und jede Menge Spaß haben. Elena würde durch sein dunkles Haar fahren, ihn auf die sinnlichen Lippen küssen und die Hügel und Täler seiner Bauchmuskeln mit der Zunge erforschen …
Leider holte das echte Leben sie ein, als sie die feinen Pixel des hochauflösenden Displays erkannte, das lediglich eine perfekte Illusion erzeugte. Sogar der Hauch einer Brise strich durch ihr Haar – die jedoch aus der Lüftungsanlage kam. Ohne die Umwälzpumpen würden alle zehntausend Bewohner ersticken.
Hinter ihr, an der gegenüberliegenden Wand des breiten Ganges, war eine Landschaft mit sanften hellgrünen Hügeln, dunkelgrünen Bäumen und Gräsern zu sehen, die sich im Wind bewegten.
»Wieso klebst du denn mit dem Gesicht am Screener?«, fragte eine Frau neben ihr amüsiert, woraufhin sich Elena umdrehte.
Dort stand Mia und grinste sie an, während sie sich ihren dicken blonden Zopf neu flocht. Mia war, genau wie sie, fünfundzwanzig Jahre alt und seit dem Kindergarten ihre beste Freundin. Unter ihrem grünen Overall wölbte sich deutlich ein Babybäuchlein, ansonsten war sie rank und schlank und entsprach dem Schönheitsideal ihrer Ideologie.
Sie selbst war weit von allen Idealen entfernt: braunhaarig, klein und mit mehreren Kilos zu viel auf den Hüften. In dem ätzenden, orangefarbenen Einteiler kam sie sich vor wie ein menschlicher Basketball.
Sie hatte stets gehofft, ihr »nicht der Norm entsprechendes Aussehen« würde sie wenigstens vom Überlebensprogramm fernhalten, aber weit gefehlt. Letzte Woche hatte sie von der Obrigkeit eine Nachricht bekommen, dass sie eine der Auserwählten für das neue Geburtsjahr war.
Hurra!
Eine eiskalte Gänsehaut kroch ihr über den Rücken, als sie sich vorstellte, was Mia deshalb durchgemacht hatte und was ihr selbst noch bevorstand. Hormonspritzen, angeschwollene Eierstöcke, Follikelpunktion mittels einer Vaginalsonde, künstliche Befruchtung …
»Erde an Elena«, sagte ihre Freundin. »Träumst du von sexy Rook?«
»Pst!« Ihr Gesicht erhitzte sich schlagartig und sie blickte sich schnell um, wobei sie betete, dass keine Warrior in der Nähe waren. Die hörten alles! Zum Glück eilten nur ein paar Arbeiter an ihnen vorbei, die auf dem Weg zur Kantine waren.
Mia wusste als Einzige, dass sie den heißen Soldaten anhimmelte. Elena guckte sich seinetwegen jede neue Folge von »Warrior Lover Superstar« mindestens drei Mal an, um dem Kerl wenigstens vor dem Bildschirm nahe sein zu können.
»Im Ernst, warum redest du nicht mal mit ihm?« Mia klapperte unschuldig mit ihren langen Wimpern. »Er ist echt nett. Vielleicht darfst du als Komparsin mitspielen?«
Hast du mich mal genau angesehen?, wollte sie schnippisch erwidern und sagte stattdessen: »Ich habe nicht von Rook geträumt.« Hastig deutete sie auf den Screener. »Sondern die Pixeldichte überprüft.«
Ihre Erklärung war völliger Schwachsinn, weil sich die Auflösung des Bildschirms ohnehin nie änderte. Aber etwas anderes war ihr auf die Schnelle nicht eingefallen. Da Mia in der Agrarabteilung arbeitete, würde sie die Notlüge schlucken. Denn niemand, nicht einmal Elenas engste Vertraute, durfte wissen, was wirklich in ihr vorging und sie seit Wochen nicht mehr losließ. Wenn irgendjemand erfuhr, was sie heimlich tat – und damit meinte sie nicht ihre verhohlene Schwärmerei für Rook –, würde sie erschossen oder in die Outlands verbannt werden … und jedem Mitwisser würde dasselbe Schicksal blühen. Allerdings wurden nur die Frauen nach draußen geschickt. Die Männer mussten in den Minen arbeiten. Außer sie hatten eine homosexuelle Straftat begangen, dann wurden auch sie nach draußen geschickt. Beides kam jedoch einem Todesurteil gleich.
Allerdings hatte die Obrigkeit in den letzten drei Jahren keine Frauen mehr rausgeschickt, sondern sie gleich erschossen. Das war wohl weniger aufwändig …
Von klein auf wurde ihnen eingetrichtert, dass es außerhalb des Bunkers extrem gefährlich und ein Überleben unmöglich war. Obwohl der Große Krieg mittlerweile hundert Jahre zurücklag, schien immer noch alles verstrahlt zu sein. Unbemannte Drohnen, die über Hochsicherheitsschleusen aus dem Bunker geschickt wurden, zeigten nach wie vor eine tote, braune, öde Landschaft und erhöhte Strahlungswerte.
Immer am ersten jeden Monats versammelten sich die Bewohner um Punkt acht Uhr vor den Screenern, um live den etwa viertelstündig