1. KAPITEL
„Eli, das Nähen solltest du vielleicht dem Assistenten überlassen. Dein Sohn ist auf der Kinderstation, ihm wurde der Blinddarm entfernt.“
„Wie bitte?“ Chirurg Eli Forrester starrte seinen Freund Duncan an. „Warum hast du mir das nicht eher gesagt?“ Jordan war operiert worden und Eli wusste nichts davon? Er hatte sein Handy im OP natürlich nicht dabei, deshalb konnte seine Schwester Liz ihn nicht anrufen. „Wer hat ihn operiert?“
„Ich. Es war ein Dilemma. Ich wusste, dass du bei ihm sein wollen würdest, aber gerade im OP warst. Ich konnte nicht warten.“
Eli zitterte leicht. Sein Sohn war operiert worden und er war nicht für ihn da gewesen. Er konnte Duncan die Entscheidung nicht verübeln. Eli hatte gerade eine schwierige dreistündige OP beendet. Eine Unterbrechung hätte ernsthafte Konsequenzen für seinen Patienten haben können. Er wusste das und respektierte die Entscheidung seines Freundes. Und trotzdem, in erster Linie war Eli Vater. Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. „Ich bin froh, dass du es warst“, räumte er ein. Duncan wäre auf jeden Fall der Chirurg seiner Wahl gewesen, wenn er eine gehabt hätte.
„Jordan hat alles gut überstanden und erholt sich jetzt. Also los, geh zu ihm.“
Eli zog sich die Handschuhe von den zitternden Händen und wandte sich an den Chirurgen, der den Eingriff mit ihm durchgeführt hatte. „Schaffst du den Rest allein?“
„Natürlich. Dein Sohn braucht dich.“
Eli ging und rief über die Schulter: „Danke.“ Warum hatte Liz ihn nicht sofort angerufen, als sie merkte, dass etwas nicht stimmte? Sie arbeitete montags nicht und hatte Jordan sicherlich ihre ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt. Wann war ihr aufgefallen, dass er Bauchschmerzen hatte? Er war seit sieben Uhr morgens bei ihr, es musste doch irgendwelche Anzeichen gegeben haben. Doch da Jordan das Down-Syndrom hatte, war es nicht immer leicht zu verstehen, was mit ihm los war und ob wirklich etwas war.
Der Aufzug nach oben zur Kinderstation brauchte ewig. Hoffentlich war Jordan noch im Halbschlaf von den Nachwirkungen des Anästhetikums.
„Leanne, wie geht es Jordan?“, fragte Eli die Krankenschwester, die am Empfangstresen der Station saß.
„Er war quengelig und wollte zu dir, aber Anna hat ihn beruhigt.“
Anna. Die Krankenschwester, für die alle schwärmten. Jordan war diesbezüglich wohl keine Ausnahme. Verflixt, wenn sie nicht gerade schnippisch war, fühlte sich selbst Eli zu ihr hingezogen, und das wollte etwas heißen. Manchmal musste er ihr den Rücken zudrehen, bevor ihm etwas rausrutschte wie: „Wollen Sie mit mir Mittag essen gehen?“ Vernünftig zu sein und alle Gefühle für eine Frau zu unterdrücken war unbedingt erforderlich, um seinen Sohn zu schützen – und sich selbst.
„Annas Schicht ist eigentlich zu Ende, aber sie ist für Jordan hiergeblieben. Wir sind unterbesetzt.“
Kein Wunder, dass sie so beliebt war. Hatte sie keine Familie, die zu Hause auf sie wartete? „In welchem Zimmer?“
„Drei.“
Eli drehte sich um und ging zu Zimmer drei. Er musste Jordan unbedingt sehen, ihn in den Arm nehmen und ihm versichern, dass alles in Ordnung war. Ihm und sich selbst. Obwohl es so klang, als hätte Anna das bereits erledigt. Eli wollte über Nacht bleiben, denn sein Sohn würde sicherlich aufwachen und Panik bekommen, wenn er merkte, dass er nicht in seinem Schlafzimmer war. Nun verstand Eli die Angst, die die Eltern seiner jüngeren Patienten durchlebten, plötzlich sehr gut.
Mit großen Schritten betrat er Zimmer drei und ließ das Bild, das sich ihm bot, auf sich wirken. Schwester Anna saß auf der Bettkante und las mit weicher, verführerischer Stimme eine Geschichte vor, ihre roten Haare lagen in einem wie immer ordentlich geflochtenen Zopf auf ihrem Rücken. Eli spürte ein unbekanntes Kribbeln. Lust? Anziehung? Wohl kaum. Obwohl er dieses Gefühl