PROLOG
„Du wusstest es …“
Ben Chatsfield starrte seinen Bruder Spencer an und versuchte, seinen aufwallenden Ärger im Zaum zu halten. Die Hände zu Fäusten geballt, gelang es ihm nur mit äußerster Anstrengung, die bitteren Worte, die ihm auf der Zunge lagen, zurückzuhalten. Natürlich schluckte er sie herunter.
So, wie er immer alles heruntergeschluckt hatte.
Stattdessen rang er sich ein ironisches Lächeln ab, als würde ihn Spencers Eröffnung eher amüsieren als schockieren. „Und wie lange weißt du es schon?“
„Dass ich illegitim bin?“ Spencer zuckte mit den Schultern. „Fünf Jahre. Seit meinem neunundzwanzigsten Geburtstag.“
Fünf Jahre!
Ben blinzelte, versuchte seinen inneren Aufruhr zu kaschieren und das Gehörte zu verdauen. Fünf lange Jahre, in denen er sich von seinem Bruder und der ganzen Familie ferngehalten hatte. Und wofür? Wie es aussah, absolut grundlos.
„Nettes Plätzchen hier“, registrierte Spencer mit Rundumblick auf den stylisch eleganten Speiseraum von Bens Flagship-Bistro im Herzen von Nizza. Wie ein x-beliebiger Tourist war er ohne Vorwarnung durch die getönten Glastüren hereingeschlendert, die Sonnenbrille lässig auf die Stirn geschoben. Mit dem Anführer derdrei Musketiere von früher hatte er in diesem Moment nichts gemein.
Als Ben aus der Küche um die Ecke kam, grinste Spencer ihn so unbefangen an, als hätten sie sich zuletzt vor einer Woche gesehen.
„Hey, Ben!“
„Spencer …“
Und dann eröffnete sein großer Bruder ihm ohne Vorwarnung, dass er bereits seit fünf Jahren wisse, was Ben mit achtzehn Jahren entdeckt hatte. Ein schockierendes Geheimnis, das ihn damals zutiefst verstört und dazu gebracht hatte, sein Zuhause zu verlassen und mit der Familie zu brechen.Ihm hatte es nahezu alles genommen, und Spencer selbst lächelte darüber.
„Ist doch eine alte Geschichte, Ben“, versuchte er einen versöhnlichen Ton anzuschlagen.
Fünf Jahre zu spät!
„Ich ahnte schon immer, dass es einen Grund geben musste, warum Michael sich mir gegenüber anders verhält als James und dir gegenüber. Ich bin fast froh darüber, nicht sein leiblicher Sohn zu sein und habe meinen Frieden damit geschlossen.“
„Schön für dich.“ Ben tat sein Bestes, um sich seine Erregung nicht anmerken zu lassen. Das Wechselspiel zwischen Reue, Schuldbewusstsein, Sorge und der aufkeimenden Freude, seinen Bruder vor sich zu sehen, gipfelte in einer vorherrschenden Emotion:Wut.
Ein alt vertrautes Gefühl, das wie eine heiße Woge seinen Körper überschwemmte.Glaubt Spencer wirklich, einfach so in mein neues Leben reinplatzen zu können? Keine Entschuldigung, keine Erklärung, nur ein lässiges Wegwedeln von vierzehn endlosen Jahren?
„Was willst du hier, Spencer?“
Die direkte Frage und der fast feindselige Ton schienen Spencer zu befremden. „Freust du dich gar nicht, mich zu sehen? Es ist so lange her, Ben.“
„Du wusstest die ganze Zeit, wo du mich findest.“
„Du ebenso.“
„Aber nicht, dass du inzwischen die Wahrheit kennst.“
„Hätte das denn für dich einen Unterschied gemacht?“
„Vielleicht …“ Ben wich seinem forschenden Blick aus, weil er sich plötzlich selbst unsicher war.Wäre ich wirklich in den Schoß der Familie zurückgekehrt, wenn ich geahnt hätte, dass Spencer von seiner Illegitimität weiß? Schwer zu sagen. Ein Chatsfield zu sein, hatte ihm nur wenig angenehme Erinnerungen beschert. „Du hast meine Frage immer noch nicht beantwortet. Was tust du hier?“
„Ich habe beschlossen, dass es höchste Zeit für eine Réunion der drei Musketiere ist“, eröffnete ihm Spencer. „James ist auch in Nizza, allerdings