Inklusion in der Jugendberufshilfe. Reine Definitionssache?
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Sarah-Raphaela Schmid
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Inklusion in der Jugendberufshilfe. Reine Definitionssache?
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Diplomica Verlag GmbH
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9783961464913
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1
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CHF 22.60
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Sonstiges
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German
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59
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kein Kopierschutz
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PC/MAC/eReader/Tablet
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PDF
Inklusion - reine Definitionssache? Was bedeutet 'Inklusion' von Jugendlichen mit Behinderung für die Jugendberufshilfe? Die vorliegende Studie versucht zu veranschaulichen, wie sich Teilsysteme bezüglich ihrer System-Umwelt-Differenz gemäß Niklas Luhmann ausdifferenzieren. Die Studie legt einen großen Wert darauf, die Phänomene 'Inklusion' und 'Behinderung' hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Entwicklung sowie Notwendigkeit zu beschreiben. Auf die Teilhabe von Jugendlichen mit Behinderung im allgemeinen Bildungs-, Ausbildungs- sowie Beschäftigungssystem wird explizit eingegangen. Dabei wird das System der Jugendberufshilfe hinsichtlich seiner gesellschaftlichen Konstituierung beschrieben und mögliche Gründe sowie Wege für eine Neukonzipierung aufgezeigt. Als 'theoretische Brille' dient die Systemtheorie nach Niklas Luhmann, welche sich durch die gesamte Studie zieht. Durch den systemischen Blick wird deutlich, wie die Systeme Politik, Rechtssystem, Bildungssystem, Soziale Arbeit, Pädagogik und Jugendberufshilfe durch ihre Systemlogik 'Inklusion' und 'Behinderung' weiterentwickeln sowie mitgestalten können. Abschließen wird anhand der Sozialraumorientierung mit einem Praxisbeispiel aufgezeigt, wie sich die Jugendberufshilfe - auch in Bezug auf Inklusion - weiterdenken kann.
Sarah-Raphaela Schmid (M.M.), geboren 1983, Systemische Beraterin und Systemische Therapeutin. Absolvierte erfolgreich ihr Bachelorstudium in Erziehungswissenschaften an der Eberhard Karls Universität Tübingen und ihr Studium im Fach Mediation an der FernUniversität Hagen. Während des Studiums setzte sich die Autorin praktisch wie theoretisch intensiv mit dem Phänomen 'Inklusion' auseinander. Was sie dazu motivierte sich der Thematik der vorliegenden Studie zu widmen.
Textprobe: Eine kurze Einführung in die Grundgedanken der Systemtheorie nach Niklas Luhmann Bei der Systemtheorie von Niklas Luhmann handelt es sich um eine hochkomplexe Theorie, welche ich im Rahmen dieser Arbeit nur ansatzweise aufgreifen kann. Im Folgenden möchte ich versuchen, wichtige Grundgedanken sinngemäß darzustellen. Gezäß Berghaus versteht Luhmann in seiner Systemtheorie alle Bestandteile der Gesellschaft und somit die Gesellschaft an sich als ein System. Das System, welches aus Interaktionen, Organisationen und der Gesellschaft besteht, bezeichnet Luhmann als ein 'soziales System'. Dieses wiederum enthält Teilsysteme wie zum Beispiel Familie, Schule, Pädagogik, Politik, Medizin und Wirtschaft. Die einzige Art und Weise, auf die soziale Systeme handeln, ist Kommunikation. Luhmann vertritt somit eine sogenannte 'antihumanistische Anschauung' dessen, wie ein System operiert (vgl. Berghaus 2002,S.21). Der Mensch ist somit nicht in Position, zu kommunizieren - dies kann ausschließlich das System. Luhmann grenzt sich laut Berghaus von dem handelnden Individuum ab und fokussiert sich somit auf die gesamte Gesellschaft als soziales System, welches durch Kommunikation operiert (vgl. Berghaus 2002, S. 62 ff.). Der Mensch besteht gemäß Luhmann dabei aus Parallelsystemen wie biologischen und psychischen Systemen (vgl. Kleve 2005, S. 4 f.). Dabei operiert jedes System nach eigenen Grundsätzen: 'Biologische Systeme operieren durch Leben, Soziale Systeme operieren durch Kommunikation, Psychische Systeme operieren durch Bewusstseinsprozesse (Wahrnehmen, Denken, Fühlen, Wollen, Aufmerksamkeit)' (Berghaus 2002, S.62). Damit kommuniziert werden kann, wird die Beobachtung benötig, denn anhand dieser kann der Beobachtende die Realität konstruieren, so Berghaus Luhmann-Interpretation (vgl. Berghaus 2002, S.44 f.). So ist lautdiesem Autor Luhmann in erster Linie als Systemtheoretiker zu verstehen, wobei die Realität mittels Beobachtung konstruiert wird, was das konstruktivistische Denken Luhmanns zeigt (vgl. ebd., S.26 f.). Mit Hilfe von Beobachtung werde versucht, die Realität zu erfassen (Beobachtung erster Ordnung). Dadurch entstehe Differenz, da der Beobachter die ihm gegebene Realität wahrnimmt und durch Kommunikation mitteilt, also weitergibt. Die Differenz beziehe sich auf die Umwelt und dem System. Es komme schließlich darauf an, wie ein weiterer Beobachter das Beobachtete des ersten Beobachtete des ersten Beobachters versteht und seine Information dadurch gewinnt und weitervermittelt (Beobachtung zweiter Ordnung) (vgl. Berghaus 2002, S. 49). Nach Dickmann hat Luhmann die Beobachtung zweiter Ordnung als wichtige Beobachtung für die Wissenschaft erachtet (vgl. Dickmann 2004, S .26): 'Wissenschaft ist Beobachten und Beschreiben' (Dickmann 2004, S. 25). Es entstehe dadurch jedoch zwangsläufig ein 'blinder Fleck', da der Beobachter einen Teil der Beobachtung konstruiere und die Realität in ihrer Komplexität nicht lückenlos erfassen könne (vgl. Dickmann 2002, S.25). Demnach sei Differenz der Anfang aller Kommunikation. Kommunikation sei somit als ein unendlicher Ablauf zu verstehen. Das System beobachte seine Umwelt und diese Umwelt beschreibe jedes System auf seine spezielle Weise, da der Beobachtende seine Umwelt differenziert wahrnimmt. Ein System nehme die Veränderungen seiner Umwelt mittels Beobachtung wahr und reagiere mittels Ausdifferenzierung. Ein anderes System, welches auch in die veränderte Umwelt eingebunden ist, reagiere ebenfalls mit Ausdifferenzierung (vgl. Berghaus 2002 S. 58). Daraus folgt nach Wevelsiep, dass es unendlich viele Perspektiven der Beobachtung gibt, dass also jedes System seine Umwelt differenziert wahrnimmt (vgl. Wevelsiep 2000, S. 25). Demnach seien autopoietische Systeme in sich geschlossen, jedoch auf die Umwelt bezogen hin offen - aber auch nur, wenn das System dies auch zulassen kann und möchte (vgl. Berghaus 2002, S. 59). Hier greift ein weiterer Grundgedanken der Systemtheorie: die Autopoiesis. Laut Bergahaus ist bei Luhmann erst dann von einem System die Rede, wenn es autopietisch handelt. Das heißt, dass sich das System selbst konstruiert und rekonstruiert, es wird nicht von jemand anderem erzeugt wie etwa ein vom Menschen gestalteter Gegenstand (vgl. Berghaus 2002, S. 51f). Gemäß Berghaus lässt sich sagen, dass Luhmann die Systemeigenschaften nicht ohne Vorlage konstruiert hat, sondern dass er sie aus den Funktionsweisen des biologischen Systems abgeleitet hat (vgl. Berghaus 2002, S. 53). Biologische Systeme produzieren sich ebenfalls selbst, ein Leben besteht aus einem anderen Leben und so fort. Es handelt sich um einen Kreislauf. Und so habe Luhmann dies auf andere Systeme übertragen. Deshalb könne ein soziales System auch nur mittels Kommunikation entstehen und sich weiterentwickeln (vgl. ebd., S. 52 ff.). Soziale Systeme selektieren durch Kommunikation nach relevanten und irrelevanten Informationen. Nach Wevelsiep beobachten sie mittels eigener Codierung, das heißt, am Beispiel des Rechtssystems, das der binäre Code 'Recht oder Unrecht' ist. Dabei würden nur die für das System relevanten Informationen berücksichtigt (vg