: Sarah Gaspers
: Das Geheimnis von Aquatica - Das Lied der Sirenen
: Books on Demand
: 9783819254697
: 1
: CHF 4.40
:
: Kinderbücher bis 11 Jahre
: German
: 272
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Lilli ist zurück in Aquatica. Endlich sieht sie ihre neuen Freunde wieder und freut sich auf zwei Wochen voller Abenteuer in einer fremden Welt. Doch etwas ist seltsam. Was bedeuten die Steinkreise, die Sabine und sie am Strand gefunden haben? Und woher kommt der Gesang, den nur sie hören kann? Ist Aquatica erneut in Gefahr?

Kapitel 1


Lilli Rackmann stand am Rande des Schulhofes und beobachtete das geschäftige Treiben. Sie hörte lautes Lachen oder Zurufe, wenn sich Freunde zum ersten Mal nach den Ferien wieder sahen. Ihre Mitschüler hatten sich in Grüppchen versammelt und unterhielten sich, wahrscheinlich über ihre Erlebnisse der letzten Wochen. Sie selbst würde nichts berichten. Sie würde schweigen oder eine Ausrede erfinden.

Noch hatte die Glocke nicht geschellt und damit den Beginn des Unterrichts verkündet. Die Fenster der Schule waren dunkel, wie leere Augen, die sie beobachteten. Am liebsten hätte sie sich umgedreht und wäre davon gelaufen, doch etwas hielt sie fest, wie die Ranken der Schlingpflanze Luminesda, vor der sie ihre Freundin Sabine immer gewarnt hatte.

Die Schulferien waren vorbei, doch nach den Erlebnissen der letzten Wochen kamen ihr der Schulhof und das graue Gebäude merkwürdig fremd vor. Als wäre sie eine unbeteiligte Beobachterin, die das Leben eines anderen Mädchen beobachtete.

„Warum stehst du denn hier herum? Hast du plötzlich Angst vor der Schule?“ Ein Arm legte sich um Lillis Schulter. „Oder fürchtest du dich vor Frau Schöler?“

Silkes Blick folgte ihrem, als könnte sie in dem Gebäude den Grund für Lillis Verhalten erkennen.

„Wir haben heute kein Englisch“, erwiderte Lilli. Frau Schöler gehörte nicht zu ihren Lieblingslehrerinnen, doch zum Glück warteten Fragen nach Vokabeln und Grammatik erst morgen auf sie.

Silke runzelte die Stirn. „Und warum schleppe ich dann mein Englischbuch mit? Das Ding wiegt bestimmt ein Kilo.“

„Keine Ahnung“, erwiderte Lilli und lächelte. Das zerstreute Verhalten war typisch für Silke. „Aber hättest du auf den Stundenplan geschaut, dann hättest du gewusst, dass wir heute nur Deutsch und Mathe haben. Der Rest fällt aus.“

„Super, dann können wir ja in die Stadt gehen. Am Marktplatz hat ein neuer Laden aufgemacht. Den muss ich mir unbedingt anschauen.“

„Ja, mal schauen.“

Silke musterte sie und kniff die Augen zusammen, als könnte sie so ihre Gedanken lesen. „Ist irgendetwas passiert? Du bist so komisch.“

„Wieso?“ Was sollte sie nur erwidern, wenn Silke nach ihren Ferien fragte? Sie konnte sie nicht anlügen. „Du weißt doch, dass ich shoppen gehen nicht so gerne mag.“

„Ja, stimmt.“ Silke lehnte sich gegen die Mauer, die den Schulhof von der Straße abschirmte. Dass das Gestein feucht und mit einem grünen Belag überzogen war, schien sie nicht weiter zu kümmern. „Aber ich dachte, du kannst mir dann etwas von deinen super geheimen Ferien erzählen.“

„Super geheim? Wie kommst du denn darauf?“

„Als du nicht auf meine Nachrichten reagiert hast, hab ich mir Sorgen gemacht und bei dir zuhause angerufen. Deine Mutter hat ein riesiges Geheimnis darum gemacht, wo du bist. Sie hat irgendetwas von deiner Tante erzählt und dass du Urlaub am Meer machst. Aber wir sind hier doch schon am Meer. Es klang, als hätte sie sich spontan eine Geschichte ausgedacht.“

„Warum sollte sie das denn tun?“, fragte Lilli ausweichend.

Silke zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Aber sagst du mir jetzt, wo du warst? Ich dachte, du bleibst die ganzen Ferien zuhause.“

„Ja, so war es auch geplant. Aber dann war ich spontan in einem Ferienlager.“

„In einem Ferienlager? Du? Ich dachte, du magst solche Reisen nicht. Und warum hat deine Mutter das nicht einfach gesagt?“

„Ich mochte solche Reisen früher wirklich nicht“, gab Lilli zu. „Aber ich habe meine Meinung geändert. Vielleicht wollte meine Mutter mich einfach nicht verpetzen.“

„Das muss ja ein tolles Lager gewesen sein“, bemerkte Silke. „War es denn auch am Meer? Oder gab es da wenigstens einen Pool?“

Mit einem Lächeln dachte Lilli an die Welt unter Wasser, die sie in den letzten Wochen kennengelernt hatte. Mitten in der Nacht hatte sie ein seltsamer Junge in ihrem Zimmer besucht und sich als ihr Pate Argos vorgestellt. Er hatte ihr von ihrer Herkunft erzählt und dass alle Halbtritonen in ihrem Alter ihre Ferien an einem Ort namens Camp Aquatica verbringen sollte. Tritonen – so nannten sich die Wesen, die aussahen wie Menschen, statt Beinen aber eine Flosse besaßen. Lilli hatte diese Geschöpfte nur als Meerjungfrauen gekannt und für eine Erfindung gehalten. Im Camp Aquatica sollte sie andere Halbtritonen kennenlernen und etwas über die Welt ihrer Vorfahren erfahren. Das versteckte Land unter Wasser hatte Lilli überwältigt und sie konnte es kaum abwarten, dorthin zurückzukehren. Sie dachte an die dunklen, pferdeähnlichen Hippokampen, die gläsernen Dächer Lophelias und den glitzernden Palast von Aquatica.

„Ja, das könnte man so sagen.“

„Und wo war dieses Ferienlager genau? Jetzt mach nicht so ein großes Geheimnis um die Sache wie deine Mutter. Ich bin doch neugierig.“

„Ach, das war gar nicht weit weg.“

Sollte sie ihrer besten Freundin erzählen, wo sie gewesen war? Silke würde sich sicher nicht von ihren Fragen abbringen lassen. Aber wie würde sie reagieren? Würde sie ihr überhaupt glauben?

„Und wo genau?“ Silke betrachtete sie prüfend. „Ist es dir so peinlich, wo du warst? Hat dich deine Mutter in ein Mathelager geschickt? Oder musstest du Nachhilfe in Physik nehmen?“

„Ach, quatsch. Meine Noten sind in Ordnung.“

„Warum willst du es mir dann trotzdem nicht sagen?“ Silke verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich dachte, wir sind Freunde.“

„Sind wir ja auch.“

„Und warum willst du es mir dann nicht verraten? Ich dachte, wir haben keine Geheimnisse voreinander.“

„Haben wir auch nicht.“

Lilli schaute sich um. Die anderen Mädchen und Jungen ihrer Klasse waren in Gespräche vertieft oder umarmten sich zur Begrüßung. Niemand achtete auf sie.

„Gut, ich sag es dir. Aber du musst mir versprechen, es niemandem zu sagen.“

„Natürlich.“ Silke streckte ihr den kleinen Finger entgegen. Sie hakte sich ein und sie sagten im Chor: „Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen.“

„War es so schlimm? Oder ist es so peinlich? Deine Hände zittert ja.“

Lilli vergrub sie tief in ihren Hosentaschen. „Ich war im Camp Aquatica.“

„Camp Aquatica?“ Silke schüttelte den Kopf. „Davon habe ich noch nie gehört.“

„Camp Aquatica ist ein Ferienlager für Halbtritonen.“

Silkes Gesicht zeigte Verwirrung. „Und was sind Halbtritonen?“

„Das sind Wesen, die einen Tritonen und einen Mensch als Eltern haben. Im Camp Aquatica sollen sie die Welt ihrer Vorfahren kennenlernen.“

„Und was sind Tritonen? Und in welcher besonderen Welt leben sie?“

„Tritonen leben in einer versteckten Welt unter Wasser.“

„Du meinst, wie Meerjungfrauen?“ Sie sah, wie es hinter Silkes Stirn arbeitete. „Die Fabelwesen mit dem Oberkörper eines Menschen und einem Fischschwanz?“

Lilli nickte. „Genau.“

„Nimmst du mich auf den Arm? Heute ist nicht der erste April.“

„Nein, ich meine es völlig ernst.“

„Wenn du mir nicht sagen willst, wo du in Urlaub warst, ist das okay.“ Silkes Augenbrauen zogen sich zusammen und ihre Augen verwandelten sich in Schlitze. „Aber erfinde nicht solche Dinge.“

„Ich habe nichts erfunden.“ Sie hatte doch nur die Wahrheit gesagt. Wie sollte sie ihre beste Freundin nur überzeugen?

„Ach ja? Meerjungfrauen gibt es nicht. Sie sind nur eine Erfindung.“

„Das sind sie nicht. Und sie mögen es nicht, wenn man sie Meerjungfrauen nennt. Sie wollen Tritonen genannt werden.“

„Ist das nicht völlig egal, wie man ein Fabelwesen nennt?“

„Nein, das ist es nicht. Und Tritonen sind keine Fabelwesen.“

„Als nächstes erzählst du mir noch, dass es den Weihnachtsmann gibt. Oder den Osterhasen.“

Lilli atmete stoßweise aus. „Das ist doch etwas völlig anderes.“

„Ist es das?“ Silke drehte sich um. „Ich habe jedenfalls keine Lust, mir solche Geschichten noch länger anzuhören.“

„Jetzt warte. Ich kann es dir beweisen.“

„Ach ja? Und wie?“

„Ich werde dir zeigen, wie ich mich verwandle.“

* * *

Lilli betrachtete die Wanduhr in Form einer Muschel, die sie von ihrer Mutter zu ihrem letzten Geburtstag bekommen hatte. Der Zeiger der Uhr tickte unbarmherzig weiter. Es waren noch wenige Minuten bis zu ihrer Verabredung mit Silke.

In Aquatica hatte sie sich von selbst verwandelt. Ihr Pate Argos hatte ihr erzählt, dass ihr Körper auf das Wasser reagierte und sich anpasste. Doch wie sollte sie das an Land schaffen? Würde es ausreichen, wenn sie sich lange genug in die Badewanne legte? Oder würde sie mit Silke ans...