: Wolfgang Eicher
: Mäandertal
: duotincta
: 9783946086611
: 1
: CHF 8.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 250
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Alkohol. Liebe. Revolution. Ein Vater verlangt von seinem Sohn, der Karriere willen als Praktikant am Bau eines Autotunnels mitzuwirken. Darin verschwinden die bisherigen Lebensziele des Ich-Erzählers, der, zurück an der Universität, die entstandene Leere mit Alkohol füllt. Nach einer Irrfahrt durch die eigene Psyche kommt die Erkenntnis über ihn: Der Weg kann nur ein Mäander sein, als Ziel kommt nur das Meer in Frage. Während ihn innerlich die Stärke einer Liebe befreit, stehen in der Welt die Zeichen auf Revolution - und der Ich-Erzähler wird an ihrer Spitze stehen ... Im Zeitalter des Klimawandels ist 'Mäandertal' der wohl hoffnungsvollste Roman des Wiener Malers und Schriftstellers Wolfgang Eicher: 'Dieses Buch ist meine Rache an den Autos.'

Wolfgang Eicher wurde 1975 in eine ländliche Welt hineingeboren. Während seiner Ausbildung zum Landwirt fand er 1991 einen Ausweg im Schreiben. 1998 wechselte er nach Wien, wo er sich in den Studien von Vermessungswesen, Raumplanung und Architektur versuchte. Ohne Abschluss landete er immer wieder beim Schreiben, später auch bei den bildenden Künsten. Bisher erschienen 'Die Insel' und 'freiheitsstatue' bei duotincta.

Tanzkörper


Die Lichter der Stadt. Wenn es dunkel wird, kriechen sie hervor, erscheinen, um im Bierdunst zu feiern. Aus allen Ecken und Enden kommen sie. Sie tragen keinen Namen. Sie sind nicht als solche registriert. Anonymität ist ihr Dogma. Wie Schläfer leben sie, schlafen jedoch nicht. Sie leben eingebettet in dieser schönen neuen Welt. Sie geben das Geld aus, das sie irgendwie verdienen. Sie fallen nicht auf. Sie kennen einander nicht. Doch manchmal begegnen sie sich. Dann grinsen sie sich zu, und sie prosten sich zu.

Man könnte meinen, ich stehe im Abseits. Ich lehne an der Mauer dieser mit Menschen überfüllten Lokalität und trinke mein siebtes Bier. Vielleicht ist es aber auch bereits mein achtes. Das Lokal hat ein Verkehrsproblem. Die Menschen stauen sich. Ich bin oft hier. Ich bin hier, weil es dieses Verkehrsproblem gibt. Es ermöglicht mir, dass ich den Menschen nahe bin. Und weil es auch sonst ein Ort ist, wo die Menschen offener sind als sonst, erhoffe ich mir die Begegnung mit den anderen. Daher bin ich heute hier. Daher trinke ich an die Mauer gelehnt und beobachte den Strom vorüberfließender Menschen. Leider erkennt man sie dann doch nicht. Oder nur sehr schwer.

Die Frauen sind so schön. Sie lächeln. Sie berühren mich beim Vorübergehen. Die Musik ist auch schön. Die berührt meine Seele. Gleich werde ich aufbrechen, um im Leib des Tanzkörpers mich mittanzen zu lassen. Zuvor jedoch muss das Bier fertig getrunken werden. Das Bier nämlich würde den Tanzkörper nicht überleben, nur sinnlos herumgeschüttet würde es werden, und das ist nicht der Sinn des Bieres. Der Sinn des Bieres ist der Suff! Daher saufe ich aus mit großen Schlucken und spüre schon wieder meine Blase, die zu entleeren ich losmarschiere, hinein in den Strom aus Menschen, wo sicher, das weiß ich genau, weil es sie gibt, einige von ihnen darunter sind, nur steht es nicht auf deren Stirn geschrieben, und auch ich bin nicht erkennbar als solcher. Man kann immer nur vermuten, und einige Male vermute ich auch, aber es ist so schwierig, während ich eng an eng an Körper gepresst einfach mitschwimme, was Möglichkeiten bietet, etwas herauszufinden, wenn man einander so nahe ist, weil es ansonsten immer unmöglich ist, man kann nämlich überhaupt nicht fragen, ob jemand ein solcher ist, weil es überhaupt keinen Namen gibt dafür.

Ich erreiche die Toilette, wo sich sogar vor der Männerabteilung eine Schlange gebildet hat. Die Toilette ist die furchtbarste von ganz Wien. Es rinnt nämlich immer viel weniger weg als hinein. Daher gibt es den Gesetzen der Wasserwirtschaft folgend immer eine Überschwemmung. Meine Schuhe sind aber wasserfest.

Das Lokal ist in einer Reihe von vier ineinander übergehenden Räumen angeordnet. Auf der einen Seite befinden sich der Eingang und die Toilette, auf der anderen der Tanzkörper. Daher gibt es das Verkehrsproblem. Daher gibt es den Menschenstrom, in dem ich mich langsam und stockbesoffen nach den sieben oder acht Bieren dem Tanzkörper entgegenschiebe. Überall dienen Menschen als Hindernis, um dem Strom die nötige Elastizität zu verleihen, um den geradlinigen Verlauf abzubremsen, umzuleiten, um Mäander zu bilden, so als wäre es ein Strom ohne Betonuferverbauung, und eigentlich ist es auch so. Hier gibt es keine starre Lenkung, nur eine aus