: Kathrin Wildenberger
: ZwischenLand
: duotincta
: 9783946086291
: 1
: CHF 8.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 350
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Als Montagsdemonstrantin der ersten Stunde fällt es der 19jährigen Ania schwer, ihren Traum von einer anderen DDR aufzugeben. In einer Wohngemeinschaft in Leipzig-Connewitz lebt sie mit Sascha, dem russischen Maler, und Alex, dem Westberliner Journalisten, ihren Traum von einer offenen Beziehung. Doch sie kann ihre große Liebe Bernd nicht vergessen. Auch Anias Schwester Brit und ihre Freundin Suse finden in dem verfallenen und besetzten Haus im Leipziger Montmartre ein neues Zuhause. Aber ihre Gemeinschaft ist fragiler, als sie glauben: Überfälle von Neonazis und das Doppelleben eines der Mitbewohner bedrohen das friedliche Zusammenleben. Ankommen? Wenn ja, wo? Gehen? Wenn ja, wohin? Alles ist offen. So vieles scheint möglich. Verheißung, Chaos, Last: Was ist Freiheit eigentlich? Kathrin Wildenberger setzt nach Montagsnächte in ihrem zweiten Roman die Geschichte um Ania, Brit und Suse fort, die nun im 'ZwischenLand' des Sommers 1990 ihr Leben träumen und ihre Träume leben. So erzählt eine nur, wenn sie mit Haut und Haar und Sommersprossen in ihrer Heldin steckt [...] Ein Gänsehautbuch! Ralf Julke, Leipziger IZ (über 'Montagsnächte' von Kathrin Wildenberger)

Kathrin Wildenberger wurde 1971 in Sangerhausen/Sachsen-Anhalt geboren und lebt nach Lehr- und Wanderjahren in Göttingen und Heidelberg seit 2006 in Leipzig. Sie arbeitet als freischaffende Autorin und Medizinisch-Technische Assistentin in einer Forschungsgruppe am Uniklinikum Leipzig. Ihr Debütroman 'Montagsnächte' ist erstmals 2007 im Plöttner Verlag Leipzig erschienen und erfährt nun bei duotincta als Auftakt einer Triologie seine Wiederauflage.

Anja
Mittwoch, 14. März 1990







März, Frühling, ein heller Tag.

Ich steige aus der überfüllten Straßenbahn, halte mein Gesicht in die Sonne. Die anderen strömen an mir vorbei, über die Ampel, mitten hinein in das Menschenmeer auf dem Karl-Marx-Platz.

Fahnen über Fahnen – Schwarz-Rot-Gold, soweit ich blicken kann. »Helmut! Helmut!«, schallt es über den Platz. Eine gute halbe Stunde wird es noch dauern, bis sich der Bundeskanzler auf der Bühne vor der Leipziger Oper zeigen wird.

Ich bleibe am Haltestellengeländer stehen, hole die Tüte aus der Tasche. Als ich die Fahne auseinanderfalte, kommt mir eine Staubwolke entgegen. Ich huste und lege mir das steife Tuch so um die Schultern, dass das Emblem auf meinem Rücken zu sehen ist. Ich fühle mich, als hätte ich mich ausgezogen, schaue mich nicht um, reihe mich in den Strom der Menschen ein.

An der Ampel ruft jemand hinter mir: »Hau ab, du rote Sau!

Ich zwinge mich, nach vorn zu schauen, den Rücken gerade zu halten. Soweit ich sehen kann, ist meine Fahne die einzige mit Emblem. Aber alles ist möglich, oder? Vielleicht geben sich die anderen noch zu erkennen. Vielleicht braucht es nur jemanden, der den Anfang macht.

Die Menschen um mich herum halten Plastetüten, Kugelschreiber, Broschüren in den Händen, auch hier Schwarz-Rot-Gold und die Logos der CDU und der Allianz für Deutschland. Die Autos, aus denen all das verteilt wird, ragen wie Inseln aus dem Menschenmeer heraus, auf ihren Dächern stehen Kameraleute.

Bernd kann ich schon von weitem sehen, er sitzt mit dem Fotoapparat in den Händen auf einer der Figuren des Mendebrunnens und schaut in meine Richtung. Ich nehme die Fahne von den Schultern, schwenke sie. Er scheint mich zu erkennen, doch er lächelt nicht.

»Die gilt doch nicht mehr«, spricht mich eine ältere Frau an. »Ich hab eine Schere dabei, sollen wir’s zurechtschneiden?«

Ich sage nichts und lege mir die Fahne wieder um die Schultern.

Es ist unsere Familienfahne, angeschafft für den 1. Mai und den 7. Oktober, sie ist ausgeblichen, knitterig und mindestens so alt wie ich. Ein Erinnerungsstück. Ich trage ein Erinnerungsstück, das zum Symbol geworden ist, nicht für das, wofür es ursprünglich stand, sondern für das, was ich mir wünsche, und deshalb habe ich in Blockschrift über das Emblem»Unser Land« geschrieben und drum herum:»Frei. Anders. Eigenständig.« Ich habe die Fahne aus der Vertikoschublade im Dachbodenzimmer meiner Eltern mitgenommen, als ich zu Vaters Geburtstag dort war. Niemand wird sie vermissen, da bin ich sicher.

Bist du von vorgestern oder was?«

Ein Typ mit Schnurrbart knufft mich in den Oberarm. Es tut weh, doch ich lasse mir nichts anmerken, und er drängt sich an mir vorbei, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Ich bin jetzt mittendrin, versuche, an der Litfaßsäule vorm Gewandhaus stehenzubleiben, habe keine Chance, treibe weiter bis zu einer Straßenlaterne vor der nächsten