: Daniel Breuer
: nathanroad.rec
: duotincta
: 9783946086123
: 1
: CHF 8.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 244
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Was verbindet einen verlassenen Bauernhof in der Nähe von Triest, drei entführte Zahnärzte, eine Horde von Straßenhunden und das Gold eines chinesischen Händlers aus Lateinamerika mit einem Klavierträger, der sein In-der-Welt-Sein einer inneren Migration ins Panoptikum seiner Vergangenheit im Hongkong der 1980er opfert? Und was hat das Ganze mit Lucas Cranach und den größten Diktatoren des 20. Jahrhunderts zu tun? Daniel Breuer webt einen transkulturellen Klangteppich, dessen lose Fäden drei Generationen und drei Kontinente verbinden, um das Vergangene in einem drastischen Schlussakkord in der Gegenwart aufschlagen zu lassen.

Daniel Breuer wurde 1977 in Teheran geboren. Als deutschstämmiger Chilene wuchs er in Santiago de Chile, Istanbul und Brüssel auf. Es folgte ein Studium der Islamwissenschaft, Iranistik und Philosophie in Berlin. Danach mehrere längere Auslandsaufenthalte in Asien und Mittelamerika. Um sich das Schreiben zu ermöglichen, übte er über die Jahre hinweg verschiedene Jobs in Bars, Museen und auf Baustellen aus, er war Reiseleiter, Pizzabäcker, Zahnkurier u.v.m. Seit 2014 lebt und schreibt Daniel Breuer wieder in Berlin.

III


Das Zurückbleiben, wenn man ein Klavier nach mehreren Stockwerken irgendwo abstellt. Die flehenden Lederriemen, das Ausatmen der Dielen und die Pianisten, die auf den Boden sehen. Parkett + Pianist: ein Akkord. Es muss mit der Musik zu tun haben. Pianist + PVC: das gibt es nicht.

Alfons kann für einige Minuten über Klaviere reden, als wenn er glaubhaft etwas von Musik beziehungsweise der jeweiligen Bedeutung eines bestimmten Klaviers für sie verstehen würde. Als wenn sie ihnberühren würde.

Von der Klarheit des Diskants bis zur profunden Bassfülle sind das Modell C-227 und das größere Modell D-274 die unübertrefflichen Mittler zwischen dem Komponisten, dem Interpreten und dem Publikum.

So in etwa stand es in einer der Werbebroschüren, die manchmal bei der Abholung unter den Papieren waren und die irgendwann zuhauf in seinem Lastwagen rumlagen.

Der Modulationsreichtum, die Präzision sowie eine breite tonliche Entfaltungsmöglichkeit.

Hilfreich war auch:

Seine leichte Spielbarkeit und sein einzigartiger Toncharakter. Die reiche Skala seiner Klangnuancen und sein beseelter Ton haben das Modell B-211 selbstverständlich zu dem bevorzugten Instrument der Künstler, der Konservatorien … usw.

Herausragende Qualität der Fertigung und Mechanik hinsichtlich Repetition und Stabilität. Klangtransparenz. Hoher ausgewogener Toncharakter und Subkontra F!

Chinesischer Asphalt. Der Pianist, ein exzentrischer, seit seiner Geburt wohlhabender Akademiker, der immer diese Steve McQueen Brillen trug und der nach Asien auswandern wollte – Hongkong, um genau zu sein – hatte sich ein Appartement im neunten Stock eines Hochhauses im Bezirk Tsim Sha Tsui gemietet.

Zwei Räume für sich, einen für sein Klavier. Ein Flügel und zunächst mal nichts als Kacheln in der ganzen Wohnung, auch in seinem Arbeitsraum, den er später vollständig mit Schaumstoff aus den Exportgeschäften im ersten und zweiten Stock versah.

Die anderen sollten ihn nicht hören, wenn er übt. Es handelte sich um einen 170er Bösendorfer, furniert in Wurzelnuss, knapp über 300 Kilo, also keine große Sache. Vor Ort dann fünf Inder aus den Chungking Mansions nebenan, die beim Verladen halfen, und ihre Töchter, ebenfalls fünf, und ihr Kajal, der die Flure verdunkelte.

Alfons stand unten neben dem Lastwagen, als sie gemeinsam rauskamen und ihm in ihrer gegurgelten Sprache etwas zuriefen. Röcke aus Rot, die raschelten, als er den Knopf der Laderampe drückte.

Er selber war mit dem Flugzeug gekommen. Manchmal, wenn auch selten, es hing von der Entfernung ab und von den Ländern, die zu durchqueren waren, wurden diese Klaviere verschifft und er im Flugzeug hinterhergeschickt, um sicherzugehen, dass das mehrere hundert Kilo schwere Schmuckstück das Treppenhaus auch heil heraufkam. Meistens gab es dann eine Agentur vor Ort, mit der seine Firma zusammenarbeitete und die den Transport und die Zollformalitäten regelte.

Er hatte also dieses Klavier aus der alten Wohnung des Pianisten getragen, sie hatten sich über die Besonderheiten seines Mo