Sie kennen mich nicht Sie kennen mich? Sie wissen alles über mich? Von meiner Geburt an? Warum so bescheiden? Ich bin sicher, Sie kennen mich schon seit meiner Zeugung, nein, seit ich noch ein Glanz in den Augen meiner Mutter war. Ich rede schwülstig? Pardon, ich dachte, das trifft Ihr Sprachniveau. Kein Wunder, wenn ich mir so Ihre Lieblingslektüre betrachte, oder? Ich unterschätze Sie und das auch noch gewaltig? Also bitte, ich formuliere es sachlich: Sie kennen mich, seit meine Mutter anfing, darüber nachzudenken, wie sie an eine anonyme Samenspende herankommen könnte. Das werden Sie nicht leugnen. Sie kannten meine Mutter ja schon, als sie noch nicht meine Mutter war, noch nicht mal meine mich planende Mutter. Sie kannten sie als die kleine Lara, naseweis und intelligenzbiestig, eine moderne Ausgabe der HanniNanni. Sie haben mit ihr in jener Phase des Heranwachsens, die so schrecklich ist wie ihr Name PU-BER-TÄT, den spießigmiefigpiefigen Eltern Zentimeter um Zentimeter des Minirocks abgerungen. Sie haben mit der Studentin Lara die Bürger runter vom Balkon locken wollen, um dem Vietcong zu helfen. Sie haben nichtDas Kapital mit ihr gelesen, analysiert und diskutiert, sondern sich nur von ihr erzählen lassen, wie anstrengendanregend es ist,Das Kapital zu lesen, zu analysieren, zu diskutieren. Sie haben sich amüsiert, als Lara gegen die sozialistischen Eminenzen aufbegehrte, bevor sie sich von einem ihrer Schwänze entjungfern ließ. Sie haben sich an ihre immer feministischer werdende Sprache gewöhnt, die patriarchalisch verhunzte Worte wieEntjungferung ablehnte, in der Schamlippen zu Venuslippen mutierten,man zufrau wurde und GenossInnen sich genossen. Heute lächeln Sie darüber, wie auch Lara darüber lächelt. Ach ja, die gute alte Zeit. Sie verging im Sauseschritt und Sie schritten mit. Blickten in die unzähligen Beziehungskisten, die Lara ihnen öffnete, ergötzten sich an Laras Sex in allen möglichen Spielarten, Sex mit Männern, Sex mit Frauen, manchmal war es vielleicht auch Liebe oder doch nur ein Ansturm der Endorphine im Gehirn? Lara fabulierte wortreich, metapherngesättigt, auch ironisch und mit Distanz zum Erlebten. Motto:Wie ichdie Fallstricke des Lebens meisterte. Doch einer brachte sie ins Straucheln: DerMitte-Dreißig-Fallstrick. Er tarnte sich unter der ParoleDie Fruchtbarkeitsuhr tickt und gab ihr zu denken: Gehörte zu einem erfüllten Frauenleben nicht doch ein Kind? Schwangerschaft, Gebären, Stillen und die einzigartige Mutter-Kind-Symbiose, waren das nicht urweibliche Potenzen, die es auszukosten galt? Diese Überlegungen Laras kennen Sie gut, Sie haben sie gelesen im vierten Buch der Autorin Lena Löpersen. Pardon, der Bestsellerautorin Lena Löpersen, derauthentischen weiblichen Stimme in der deutschen Literatur. Lena Löpersens Ich-Erzählerin Lara ließ Sie in ihre Gehirnwindungen gucken und gab in farbigen inneren Monologen ungeschützt ihre geheimsten Gedanken preis. Die Sie, – geben Sie es doch zu! – für die Gedanken der Autorin hielten. Lena Löpersens Gedanken beschäftigten sich jedoch vor allem mit der leicht gesunkenen Auflage ihres dritten Buches. Das Interesse ihrer Leserinnen an Laras Liebesverwicklungen ließ nach. Etwas Neues musste her! Das Abenteuer Kind! Lena würde sich auf dieses Abenteuer einlassen, um hautnah von Laras Erleben erzählen zu können. Denn nichts schenkt der Literatur so viel Lebendigkeit wie das Leben. So wurde ich ein Glanz in den Augen meine