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Die Fahrt über den Kanal als stürmisch zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Die stahlgraue See um das Fährschiff herum kocht, und noch ist Calais verdammt weit weg. Ein Blick von der windumtosten Reling auf die tanzenden Wellen überzeugt mich davon, den Rückzug ins Innere der Fähre anzutreten. Mortimer hält mir mit einem Grinsen die Tür auf.
Ich bin nicht der Typ, der seekrank wird, und der Bug des Schiffes pflügt unerschütterlich durch die See. Außerdem: Sollte wirklich ein Orkan im Anmarsch sein, würde der Fährverkehr vorsorglich eingestellt werden. Für die Mutigen unter den Reisenden, die alles hautnah erleben wollen, gibt es auf Deck genügend Verstrebungen und Halterungen, um sich festzuhalten. Es ist bloß ... ich fürchte mich vor dem Ziel unserer Reise.
„Möchtest du etwas essen?“ Mortimer macht eine Kopfbewegung zum Eingang des Restaurants. „Noch können wir einen Tisch ergattern.“
Ich grinse. „Nö. Kein Appetit.“
Wie schon auf meiner ersten Überfahrt habe ich das Gefühl, dass die meisten der lärmenden Passagiere nur an Bord sind, um sich die Bäuche vollzuschlagen. Kinder bekommen eine Gratis-Mahlzeit. Die übrigen Fahrgäste strömen in die hell erleuchteten Läden und Duty-Free-Shops der Passage. Es herrscht so etwas wie Partystimmung.
Mortimer deutet auf zwei freie Sitzplätze neben einer Reihe knallbunter Snack- und Getränkeautomaten. „Etwas zu trinken?“
„Mhm, ja, eine Cola wäre prima.“
Er zieht zwei Dosen. Ich lenke mich von meinen trüben Gedanken ab, indem ich dem vielsprachigen Stimmengewirr um uns herum lausche. Die einschmeichelnde Stimme von Ed Sheeran perlt aus den Lautsprechern. Durch Schnuppern versuche ich zu ergründen, welche Speisen im Restaurant angeboten werden. Die von der Gischt besprühten Fenster bieten lediglich einen Ausblick auf schmutzig-graue Wolken.
Ich nehme einen Schluck von meiner Cola. Dann entdecke ich Maiks Kopf hinter einer der Glastüren zum Deck. Er sucht uns. Als unsere Blicke sich treffen, stapft er herein und w