Ein frischer Wind wehte durch die Innenstadt von Sterzing. Wie fast immer vom Brennerpass herunter, als würde eine Düse ihn verstärken. Der Herbst hielt allmählich Einzug. Die drückende Schwüle des Sommers war im Wipptal schneller vergessen als anderswo in Südtirol. Marie Pichler eilte im Slalom durch die Neustadt. Obwohl die Ferien in Italien und Deutschland schon vorbei waren, liefen immer noch viele Urlauber durch die Stadt. Ältere Wanderer mit klappernden Stöcken. Paare ohne Kinder. Paare mit eislutschenden Kleinkindern. Großeltern mit Enkeln im Kindergartenalter.
Die Bezeichnung Neustadt war so eine Sache für sich. In den Augen Deutscher war die ganze Sterzinger Einkaufsmeile eine einzige Altstadt. Aber die Gasse, die so hieß, endete am Zwölferturm mit dem Stadtplatz. Dahinter, vom Beginn der Wind-Düse aus Richtung Seilbahn kommend, lag die Neustadt mit ihren auch schon bejahrten Fassaden. So war der Turm für Marie immer so etwas wie ein Orientierungspunkt, wenn umherirrende Urlauber auf der Suche nach einer Hotel- oder Restaurantadresse nach dem Weg fragten. Mal antwortete Marie mit hinter, mal mit vor dem Turm. Der eigenen Logik folgend lag ihr Ziel hinter dem Turm – die Vinothek