2Der Mönchsgeier
»Der Geier ist von kalter Natur und kennt die Fertigkeiten der Vögel und der Landtiere und ist unter den anderen Vögeln wie ein Prophet.«
Hildegard von Bingen, Physika
Zehn Jahre zuvor, Kleinasien, Montag, 30.April im Jahre des Herrn 1190
»Also los!«, gebot der nörglerische Kerl, kaum dass das abschließende »Amen« des Mönchs vom heißen Wind davongetragen worden war. Ewald von Baldenstein und seine Gefolgsleute verließen die Begräbnisstätte als Erste wieder in Richtung des Tals. Franziska stand derweil wie zur Salzsäule erstarrt am westlichsten der drei Steinhaufen und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.
Der ihnen seit Tagen aus Südosten entgegenwehende Wind trug so viel Sandstaub mit sich, dass die glühende Sonne nur wie ein heller Schemen zu erkennen war. Die mit ausgeblichenen Bannern markierten Lager der Kreuzritter wirkten im Staub alle gleichförmig und beigegrau. Sie füllten das weite Tal in Kleinasien und zogen sich von Horizont zu Horizont. Schwere Wagen waren zur Nachtrast eng zusammengestellt worden. In jedem der Kreise brannten in der Mitte große Feuer. Hunderte kleinere wurden um sie herum in Gang gesetzt. Berittene Boten eilten von einem zum anderen Lager, die einfachen Kämpfer zu Fuß richteten ihre Nachtstätten ein und bereiteten ihr Essen zu. Halbzahme Hunde bettelten um Reste. Die nach dem anstrengenden Tag müden Zugtiere stritten sich derweil in notdürftig errichteten Gattern um die kargen braunen Grasbüschel, die zwischen den Steinen hervorragten, und soffen Wasser aus Ledereimern. Weit voraus im Südosten glaubte Franziska, vor einem Band aus Bäumen die Banner Kaiser Friedrich Barbarossas auszumachen, dem ihr Onkel Alwin Herr von Hellenau Treue bis zum Tod geschworen hatte.
Seinen Schwur hatte er gehalten – und seinen letzten Atemzug nach Tagen des Hustens heute früh in Form eines rasselnden Keuchens von sich gegeben. Jetzt lag sein Leichnam notdürftig unter den allgegenwärtigen Steinen, die zwei angeheuerte Helfer über ihm aufgehäuft hatten. Ein schlichtes Holzkreuz ragte etwas schief daraus hervor.
»Der Verlust Eures Herrn Vaters tut mir sehr leid für Euch, Fräulein«, hörte sie eine warme Stimme mit angenehmem Klang. Sie gehörte dem Ritter, der mit seinen drei Begleitern das östliche Grab errichtet hatte. Während seine Gehilfen sich unterhielten, trat er an Franziskas Seite.
»Habt Dank, edler Ritter, für Eure tröstenden Worte. Dass er mein Onkel war und nicht mein Vater, mildert die Trauer nicht.«
»Ah, Euer Onkel. Verzeiht. Was ist ihm geschehen?« Seine Frage klang wirklich interessiert.
»Die Schwindsucht hat ihn geschwächt und der Staub ihn dahingerafft«, gab Franziska zurück und bemühte sich, nicht gleich wieder loszuweinen.
In den braunen Augen des Ritters glaubte sie, wahres Mitleid zu lesen. Er war so viel älter als sie, dass er ihr Vater hätte sein können. Graue Strähnen mischten sich unter sein ursprünglich dunkles Haar. Sein Bart war gepflegter als die der meisten Männer auf dem Kreuzzug. Wie sein Gefolge trug er ein kostbares Lederwams über dem kräftigen Oberkörper. Als Einziger hatte er ein Schwert umgeschnallt, das in einer kunstvoll gestalteten Scheide steckte.
»Auch Ihr habt einen treuen Begleiter verloren«, bemerkte sie mit einem Blick auf den dritten Steinhaufen, um den seine Kameraden standen.
Er nickte. »Ein junger Mann, der bei den Schlachtrösse