KAPITEL 1: EIN HERZ FÜR EINEN DRACHEN
Ich kann nicht sagen, wie viel Zeit vergeht, denn für mich ist sie Schall und Rauch. Ich bin ein Geist, gefangen im Gestein – in einem mächtigen Körper, den ich nicht zu regen vermag. Alles an mir ist zum Zerreißen gespannt, aber ich selbst verliere mich in Erinnerungen, denn sie sind alles, was ich noch habe. Immer öfter taucht darin Anjali auf.
Als wir Kinder waren, spielten wir neben den Eingängen zur Mine, ließen Steine in die tiefen Schächte plumpsen und warteten, bis der Aufprall zu hören war. Ich selbst befinde mich in diesem Zwischenzustand des Wartens. Ich warte auf den Aufschlag, doch er kommt nicht. Und ich bin unfähig, mich zu bewegen, und werde es immer sein, bis jemand kommt und mir hilft. Aber ich selbst habe den Weg hierher versiegelt, under wird dafür sorgen, dass mich niemand findet. Ich hasse ihn. Herzmörder. Er hat mich betrogen, und ich musste den Preis bezahlen. Weil ich nicht hören wollte. Weil ich dachte, ich wäre klüger als der Drache.
Sturmrächer hat mich vor ihm gewarnt. Tara hat ihm nicht getraut. Und nun … nun bin ich hier. Anjali ist ebenfalls fort, während Herzmörder die Freiheit dort draußen genießt. Vermutlich schert er sich nicht darum, was Karai getan hat und noch tun könnte – er wird Ashitara nicht retten. Vielleicht breitet er einfach seine Flügel aus und fliegt davon. Noch hat er es nicht getan. Sein Name – ich finde ihn immer. In dem Geflecht aus Magie und Welten ist es, als würden die Zeichen seines Namens vor meinem Auge immer wieder entstehen und zu mir sprechen. Er ist noch hier. Gar nicht weit fort. Aber wenn ich ihn holen will, muss ich mich irgendwie befreien. Ohne Hilfe? Wird mir das vielleicht nicht gelingen. Ich muss der Wahrheit ins Auge sehen: Ich bin jetzt an seiner Stelle. Eingesperrt im Gestein der Honlai-Mine. Herzmörder hat mich betrogen, um seine eigene Haut zu retten. Ich weiß nicht, ob er es von Anfang an geplant hat, aber ich vermute es. Umso mehr schmerzt es, und mein Zorn wird Pochen in meiner Brust größer. Einen Herzschlag besitze ich nicht mehr. Drachen haben kein Herz. Wenn ich ihn erwische, wird er spüren, was ein Nachtschmetterling vermag. Sein Kosename … jetzt ist es wohl der Name, den ich tragen werde, bis ans Ende dieser Zeit. Ich habe das Gefühl, dass ich mich nicht einmal mehr an meinen richtigen Namen erinnern kann … Alles wirkt so verschwommen und falsch. Die Momente mit Herzmörder allerdings haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Er ist hier, und ich werde ihn finden, wenn ich nur irgendwie mein Gefängnis verlassen kann.
Eines meiner Augen schaut in die Finsternis. Das andere erblickt Fetzen der Realität. Die Farne, die mich vor neugierigen Augen verbergen. Kleine Tupfer des Stollens … In dem sich niemand befindet. Niemand wird hinunterkommen, Herzmörder wird dafür sorgen.
Es muss schon ein Wunder geschehen, damit ich entkomme und Rache üben kann. In meinen finsteren Gedanken klammere ich mich an Tara. Aber ob die Aschekriegerin einen Finger rühren wird, um mich zu retten? Ich bin mir nicht sicher. Nach Herzmörders Verrat traue ich meinem eigenen Urteilsvermögen nicht mehr. Er hat mir das Herz gestohlen, mich in Sicherheit gewogen und anschließend ein Messer in meinen Rücken gestoßen und mich zu einem Drachen gemacht, der nun in der Honlai-Mine festsitzt, damit er endlich die Freiheit genießen kann.
Und die Schwärze greift nach mir. Etwas in der Welt der Drachen ruft unaufhörlich, und ich weiß nicht, ob ich mich dem hingeben soll. Ich habe Angst, dass ich das, was einst Vanjura war, unwiederbringlich verliere, wenn ich nachgebe. Die Magie ruft. Das Gestein singt. Und ich? Ich möchte dem Ruf nicht folgen.
Wenn ich das Auge schließe, dann kehre ich zurück in die Welt der Drachen. Hier ist nichts außer