1. KAPITEL
In den zweiunddreißig Jahren ihres Lebens hatte Zoe Montgomery kein einziges Mal mit dem Gedanken an Selbstmord gespielt. Doch wenn sie an diesem Abend noch einmal die Frage hören sollte, ob sie einen Ehemann und Kinder hätte, und noch einmal den mitleidigen Blicken begegnen, weil sie diese Frage mit ‚Nein‘ beantwortete, dann würde sie wohl zu einer verzweifelten Maßnahme greifen. Höchstwahrscheinlich zu einer Flasche Gin.
Kümmerte es irgendjemanden, dass sie und ihre Schwester seit fünf Jahren jedes Jahr zwei Millionen Pfund Umsatz mit ihrer eigenen Testkaufagentur machten? Nein, nicht im Geringsten. Interessierte sich irgendjemand dafür, dass Zoe zu Geld gekommen war, weil sie eine winzige Eigentumswohnung in einem der aufstrebenden Stadtviertel Londons selbst renoviert hatte und daraufhin ein Angebot erhielt, das ihr die doppelte Summe des Kaufpreises einbrachte? Oder dass sie inzwischen in einer riesigen Maisonettewohnung in Hoxton lebte? Natürlich nicht. Und was war mit ihrem Doktortitel, an dem sie fünf lange, aber glückliche Jahre gearbeitet hatte? Entlockte er irgendjemandem hier eine Geste der Bewunderung? Nicht einmal annähernd.
Die ungefähr vierzig Frauen, die sich zum Klassentreffen anlässlich ihres fünfzehnjährigen Schulabschlusses in dieser Bar versammelt hatten, nahmen einzig und nur scheinbar bestürzt zur Kenntnis, dass Zoe alleinstehend und kinderlos war.
Sie biss die Zähne zusammen und tröstete sich mit einem Schluck lauwarmem Chablis, während die Frauen um sie herum in ein eifriges Gespräch über Hauspreise in den besten Wohngegenden Londons und der Toskana vertieft waren.
Warum sie jemals angenommen hatte, dass ihre Schulkameradinnen sich ändern könnten, wusste sie in diesem Augenblick nicht mehr. Bereits damals im Internat hatten die meisten von ihnen auf ein Leben an der Seite eines Aristokraten mit riesigem Anwesen und beträchtlichem Bankvermögen hingearbeitet. Den vielen doppelten Nachnamen, Titeln und Diamanten nach zu urteilen, die an diesem Abend zur Schau gestellt wurden, hatten Zoes ehemalige Mitschülerinnen jedes ihrer Ziele mit Bravour erreicht.
Zoe seufzte schwer. All das Geld, das in die Schulbildung dieser Frauen investiert worden war. All das ungenutzte geistige Potenzial. All das vergeudete Talent und Können. Es grenzte an eine Tragödie.
Ebenso wie dieser ganze Abend.
Zoe war erst eine Viertelstunde hier, doch bereits nach fünf Minuten war ihr klar gewesen, dass es so gut wie keine Chance für sie gab, heute Abend das zu tun, was sie sich seit fünfzehn Jahren gewünscht hatte.
Als die E-Mail mit der Einladung zum Klassentreffen vor einem Monat in Zoes Postkasten eingetroffen war, war ihr erster Impuls gewesen, die Nachricht zu ignorieren. Denn obwohl sie an ihrer Privatschule einen hervorragenden Unterricht genossen hatte und ihren Eltern auf ewig für die finanziellen Opfer zugunsten ihrer Ausbildung danken würde, hatte sie nie wirklich an diese Schule gepasst. Mit den meisten ihrer Mitschülerinnen hatte sie absolut keine Gemeinsamkeiten, und dank einigen der Mädchen war Zoes Leben während der sieben gemeinsamen Schuljahre die Hölle auf Erden gewesen. Und so hatte sie erst einmal beschlossen, die Einladung und ihre Klassenkameradinnen aus ihren Gedanken zu verbannen.
Nur so konnte sie sich wieder auf das konzentrieren, worin sie am besten war: auf ihre Arbeit. Sie vergrub sich in einen Berg von statistischen Analysen für einen der wichtigsten Klienten ihrer Firma. Ein paar Tage später war sie so vertieft in die Welt der Zahlen und Schlussfolgerungen, dass sie eigentlich alles andere hätte vergessen sollen. Eigentlich.
Doch zu ihrer großen Bestürzung geschah das nicht. Im Gegenteil: Die Einladung hatte für Zoe die Büchse der Pandora geöffnet. All die Angst, das hormonelle Chaos und die schmerzlichen Erinnerungen an alte Zeiten kamen plötzlich zurück und erweckten die längst vergangenen Schultage jede Nacht in Zoes Träumen zum Leben.
Egal, wie sehr sie versuchte, sich gegen ihre Panikattacken zu wehren oder sie zu unterdrücken: Sie konnte sich auf nichts mehr konzentrieren. Die Ereignisse jener schrecklichen Jahre holten sie mit erbarmungsloser Wucht ein. Und so befand sie sich unvermittelt an einem Ort, den sie lange und aus gutem Grund gemieden hatte: auf dem Pfad der Erinnerung, wo emotionale Narben zu neuen Wunden aufbrachen.
Einmal dort angekommen, konnte ihr keine auch noch so interessante statistische Analyse über das Leid hinweghelfen, das sie während ihrer Schulzeit erlitten hatte.
Da