II
An einer regelrechte Universitätsvorlesung hatte ich nie teilgenommen. Nur die Arbeitsvermittlung hatte mir und zwei, drei anderen Stellungssuchenden einen ›Schnupperkurs‹ empfohlen. Der Hörsaal war leer gewesen. Wir sollten uns nur auf das Fluidum konzentrieren, hatte die Berufsberaterin gesagt. Wir sollten auf das Knistern im akademischen Gebälk achten. Wir hatten mucksmäuschenstill dagesessen und die Ohren gespitzt. Von akademischem Knistern war nichts zu erlauschen gewesen. Aber in einer Beziehung hatte ›Pig‹ recht behalten: Sein Tipp mit dem Kürzel NE erwies sich als zutreffend. Es gab tatsächlich die Universität Nürnberg-Erlangen. Das Internet hatte es bestätigt, und Professor Burlen leitete den Fachbereich Arabistik und Islamkunde. An welchen Tagen und zu welcher Uhrzeit er las, war dem Internet nicht zu entnehmen. Doch ich fasste mir ein Herz und rief das Sekretariat der Universität an.
Ein feines Gespinst von harmlosen Fragen, Lügen und halben Wahrheiten brachte mich mit einer älteren Frauenstimme in Verbindung, der Vorzimmerdame des Arbeitsbereichs Orientalistik, der ich am Apparat, unsicher meine Worte wählend oder verwerfend, von dem Zeitungsartikel des Herrn Professors Burlen über Kalligrafie berichtete. Ich konnte nicht begreifen, warum ich immer mutloser wurde, je länger ich mit der Sekretärin telefonierte. Vielleicht war sie an lästige Anfragen von Studenten gewöhnt und geschult darin, sich bei Anrufen phonetisch hinter einem Harnisch zu schützen.
Da ich selbst Kalligraph sei, log ich ihr mit vibrierenden Stimmbändern vor und war auf Fachfragen gefasst, die ich nicht beantworten könnte. Nein, mit dem Verfasser des Artikels sei ich nicht persönlich bekannt. Diese Ehre sei mir nicht zuteil. Doch wäre es mir ein Bedürfnis, den Herrn Professor kennen zu lernen, am besten am Ende einer Vorlesung zwei oder drei Worte mit ihm zu wechseln. Ich verstieg mich auch nicht zu der Behauptung, das sei ein kurzer Gedankenaustausch zwischen zwe