: Norbert Heinrich Holl
: Die goldenen Blätter
: Books on Demand
: 9783819254109
: 1
: CHF 8.80
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 256
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Zwei üppig mit Gold belegte Blätter mit den ersten beiden Koransuren erwirbt Heinz Schwan bei einem Händler in Kairo, ohne zu wissen, ob sie tatsächlich echt oder nur ein gefälschtes Souvenir sind. Als ihm zufällig ein Aufsatz des bekannten Arabistik-Professors Burlen über Kalligraphie in die Hände fällt, ist sein Interesse geweckt. Könnte es sich doch um Originale handeln? Um das herauszufinden, nimmt er Kontakt mit dem Professor auf, der sich an den Koranblättern begeistert und sie am liebsten der Öffentlichkeit zugänglich machen würde. Plötzlich und unerwartet steht Heinz Schwan mitten in einem nicht nur akademischen Ränkespiel über die Zukunft seiner Schätze. Und welche Rolle spielt Asma, die schöne und geheimnisvolle Tochter des Professors?

Norbert Heinrich Holl studierte in Köln und Paris Jura, wechselte aber nach einer kurzen Zeit als Richter in Köln in den Auswärtigen Dienst. Sein Studium der arabischen Sprache am Middle East Center for Arabic Studies im Libanon schaffte die Voraussetzung für zehn Jahre diplomatische Dienste in verschiedenen islamischen Ländern. 1996 wurde er für zwei Jahre zum Leiter einer UN-Sondermission für Afghanistan berufen. Holl verbringt seinen Ruhestand in der Bretagne. Neben der Diplomatie gehörte seine Leidenschaft schon immer dem Lesen und Schreiben. 2002 berichtete er über seine Afghanistan-Erfahrungen (»Mission Afghanistan«). Seit 2008 hat Norbert Heinrich Holl mehr als ein Dutzend Romane und Erzählungen verfasst.

II


An einer regelrechte Universitätsvorlesung hatte ich nie teilgenommen. Nur die Arbeitsvermittlung hatte mir und zwei, drei anderen Stellungssuchenden einen ›Schnupperkurs‹ empfohlen. Der Hörsaal war leer gewesen. Wir sollten uns nur auf das Fluidum konzentrieren, hatte die Berufsberaterin gesagt. Wir sollten auf das Knistern im akademischen Gebälk achten. Wir hatten mucksmäuschenstill dagesessen und die Ohren gespitzt. Von akademischem Knistern war nichts zu erlauschen gewesen. Aber in einer Beziehung hatte ›Pig‹ recht behalten: Sein Tipp mit dem Kürzel NE erwies sich als zutreffend. Es gab tatsächlich die Universität Nürnberg-Erlangen. Das Internet hatte es bestätigt, und Professor Burlen leitete den Fachbereich Arabistik und Islamkunde. An welchen Tagen und zu welcher Uhrzeit er las, war dem Internet nicht zu entnehmen. Doch ich fasste mir ein Herz und rief das Sekretariat der Universität an.

Ein feines Gespinst von harmlosen Fragen, Lügen und halben Wahrheiten brachte mich mit einer älteren Frauenstimme in Verbindung, der Vorzimmerdame des Arbeitsbereichs Orientalistik, der ich am Apparat, unsicher meine Worte wählend oder verwerfend, von dem Zeitungsartikel des Herrn Professors Burlen über Kalligrafie berichtete. Ich konnte nicht begreifen, warum ich immer mutloser wurde, je länger ich mit der Sekretärin telefonierte. Vielleicht war sie an lästige Anfragen von Studenten gewöhnt und geschult darin, sich bei Anrufen phonetisch hinter einem Harnisch zu schützen.

Da ich selbst Kalligraph sei, log ich ihr mit vibrierenden Stimmbändern vor und war auf Fachfragen gefasst, die ich nicht beantworten könnte. Nein, mit dem Verfasser des Artikels sei ich nicht persönlich bekannt. Diese Ehre sei mir nicht zuteil. Doch wäre es mir ein Bedürfnis, den Herrn Professor kennen zu lernen, am besten am Ende einer Vorlesung zwei oder drei Worte mit ihm zu wechseln. Ich verstieg mich auch nicht zu der Behauptung, das sei ein kurzer Gedankenaustausch zwischen zwe