Haben Sie gewusst, dass Sie das Meer hören können, wenn Sie eine Muschel ans Ohr halten?
Das Geräusch bleibt in den komplizierten Kurven der Muschel stecken und hallt ewig nach. Aber was passiert, wenn es sich um eine versteinerte Muschel handelt? Ich verrate es Ihnen.
In dem kleinen Küstenort Shingle Regis in Gritshire gab es zufälligerweise ein kleines Museum am Ende des Piers. Es war eigentlich für die Touristen gedacht und enthielt Ausstellungsstücke wie echte Meerjungfrauen-Ohrringe, berühmte Rettungsringe, voll getakelte Flaschenschiffe[1] und andere seltene und kuriose Gegenstände, die vom Meer angespült worden waren. Ein junger Mann namens Horace Breezeforth leitete das Museum. Eines Tages zählte er im Museum die Blasen auf einem ungewöhnlichen Stück Seetang, als eine junge Frau hereinkam und ein großes Fossil auf seinen Schreibtisch legte.
»Na so was«, sagte er. »Das ist wahrhaftig ein Exemplar der ausgestorbenen Rotundus-Muschel. So eine könnten wir hier gut brauchen.«
Die Frau stellte sich als Jane Throckmorton vor, Geologiestudentin an der Universität von Blackbury.
»Ich habe sie bei den Klippen an der Küste gefunden«, erklärte sie. »Es ist faszinierend! Man hört das Meer, wenn man die Muschel ans Ohr hält.«
Und Horace hörte es tatsächlich. Aber es war nicht das Meer von heute – es klang so, wie das Meer vor Millionen von Jahren geklungen haben musste. Es hatte etwas sehr Seltsames an sich. Er glaubte, reptilienartiges Kreischen und Grunzen zu vernehmen, Laute, wie sie vielleicht Dinosaurier beim Schwimmen von sich gegeben hatten. Verblüfft schnappte er nach Luft.
»Das ist noch nicht alles«, sagte Jane. »Hören Sie weiter zu!«
Und Horace hörte jemanden singen. Es war eine fröhliche Stimme, nur knapp über dem Rauschen der Brandung zu hören. Sie klang vertraut.
Die Stimme sang: »Ooooh, iiiich bin so gern am Meer, oh, ich bin so gern am Meer.«
»Das ist unmöglich!«, rief Horace und ließ die Muschel um ein Haar fallen. »Damals gab es noch keine Menschen. Können Sie mir zeigen, wo genau Sie die Muschel gefunden haben?«
Eine halbe Stunde später kletterten Jane und Horace in eine ruhige Felsenbucht nördlich der Stadt, und Horace betrachtete das Loch, aus dem Jane die Muschel mit ihrem speziellen Geologiehammer herausgeschlagen hatte. In den Felsen befanden sich weitere Fossilien.
»Ich gehe der Sache auf den Grund«, murmelte er, nahm einen Ersatzhammer in die Hand und trat zu den Felsen.
Nach etwa zwanzig Minuten Arbeit legte Horace etwas frei, das nach den Knochen eines sehr seltsamen Geschöpfs aussah. Kurze Zeit später erkannte er, was es war: ein versteinerter Liegestuhl.
Jane war damit beschäftigt, die Überreste einer kleinen Eidechse auszugraben. Plötzlich ließ sie ihren Hammer fallen.
»Oh, solche Fossilien sind hier in der Gegend recht häufig«, bemerkte Horace leichthin.
»Allerdings hat dieses Fundstück eine Zeitung im Mund«, erwiderte Jane und hielt sie hoch.
Natürlich war die Zeitung ziemlich flach und hatte sich in eine Art Schiefertafel verwandelt. Aber die Schrift ließ sich noch entziffern.
Horace las laut: »The Blackbury Chronicle and West Gritshire Times. Ich kann das Datum nicht genau erkennen. Oh, ja, ich … oh. Meine Güte! Es ist die Ausgabe von heute.«
Schon bald war der Strand überfüllt. Polizisten hatten Absperrungen bei den Felsen aufgestellt, und dahinter untersuchten Horace, Jane sowie einige Experten von der Blackbury-Universität die Fossilien.
Sie blieben skeptisch, bis einer von ihnen zufällig einen Teil eines Steins abschlug und … ein versteinertes Radio fand. Es war im Lauf der Jahrmillionen durch die tonnenschweren Gesteinsbrocken, die darauf lagen, halb zerdrückt worden, aber es handelte sich doch unverkennbar um ein Radio.
»Nun«, meinte Horace. »Entweder waren die Dinosaurier viel intelligenter, als wir dachten, oder es ist etwas sehr Seltsames passiert.«
»Wissen Sie, was ich denke?«, entgegnete Jane. »Ich denke, hier gibt es jemanden mit einer Zeitmaschine, der seine Urlaubstage in der Vergangenheit verbringt und ziemlich unvorsichtig ist.«
Sie überließen es den Professoren, die seltsamen Fossilien zu untersuchen, und wanderten den Klippenpfad hinauf zum Heideland. Es war sehr heiß, aber vom Meer wehte eine angenehm kühle Brise. Nur ein einziges Haus zeigte sich weit und breit, eine alte Fischerhütte, halb versteckt hinter einigen Bäumen, die so vom Wind gebogen waren, dass sie fast flach wirkten. Die Hütte verfügte über einen kleinen Garten mit Fuchsien und Kohlköpfen, und daneben erstreckte sich eine Koppel, in der eine angebundene Ziege einen Kreis ins Gras gefressen hatte. Es gab auch ein paar Bienenstöcke.
»Wer wohnt dort?«, fragte Jane.
»Ein alter Bursche namens Doktor Golightly«, sagte Horace. »Er ist der beste Lepi…Lepito…, der beste Schmetterlingssammler der Welt.«
Jane schnitt eine Grimasse. »Das gefällt mir nicht. Die armen Biester tun mir immer leid.«
»Ich habe gehört, er hält sie in einem großen Käfig am Leben und züchtet sie«, erwiderte Horace. Im Vorbeigehen entdeckten sie mehrere riesige Maschendrahtkäfige.
Plötzlich flog ein Schmetterling über sie hinweg. Er war blau und grün, mit prächtigen gelben Flecken.
Und er war etwas größer als ein Adler.
Einen Moment später kam ein dicker kleiner Mann durchs Gebüsch gelaufen und schwang ein riesiges Schmetterlingsnetz. Er hatte einen langen weißen Bart, trug einen großen Sonnenhut und eine verblichene kurze Hose.
»Haben Sie einen Golightlius giganti vorbeifliegen sehen?«, keuchte er.
»Er ist aufs Meer hinausgeflogen«, antwortete Horace. »Falls Sie den großen Schmetterling meinen.«
»Den nennen Sie groß?«, entgegnete der Alte. »Meine Güte, das ist doch nur ein Baby! Äh, entschuldigen Sie, ich kehre jetzt besser zurück.« Und er verschwand wieder zwischen den Büschen.
Es folgten einige stille Sekunden.
»Das war Doktor Golightly«, sagte Horace schließlich.
»Aber solche Schmetterlinge gibt es nicht!«, entfuhr es Jane.
»Früher schon«, erwiderte Horace nachdenklich. »Vor Millionen von Jahren wurden manche Insekten ziemlich groß.«
Sie dachten beide an die seltsamen Fossilien und die Muschel, dieIch bin so gern am Meer sang.
Fünf Minuten später klopften sie an die Tür des kleinen Fischerhauses, doch niemand öffnete. In den Käfigen weiter hinten sah Horace mehrere riesige Schmetterlinge. Einer oder zwei waren so groß, dass sie Sitzstangen hatten, wie Vögel.
Am nächsten Tag kehrten sie zurück. Unten am Strand herrschte noch immer emsige Betriebsamkeit. Einer der Professoren hatte etwas gefunden, das wie ein versteinertes Fischernetz aussah.
Horace klopfte erneut an die Tür des kleinen Hauses und stellte fest, dass sie offen stand. Nach kurzem Zögern traten sie ein und kamen sich dabei ein wenig wie Einbrecher vor. Eine alte Uhr tickte langsam in der Ecke, und der Raum war mit ziemlich schäbigen, aber bequem aussehenden Möbeln ausgestattet.
Ein seltsames Summen lag in der Luft. Es schien aus einem kleinen Schrank unter der Treppe zu kommen. Horace öffnete ihn.
Und blickte auf einen Strand hinaus. Hier und da wuchsen große Farne, und in der Ferne ragten Klippen auf. Die Sonne strahlte groß und gelb am Himmel.
Rasch schloss Horace die Tür und starrte auf den gewöhnlich aussehenden Schrank. Als er die Tür wieder öffnete, erkannte er erneut den Strand.
»Also gut«, sagte er tapfer und trat vor. Nach kurzem Zögern folgte ihm Jane, und sie standen nebeneinander im Sand. Hinter ihnen, knapp über dem Boden schwebend, gewährte ein Fenster Einblick ins Innere des Fischerhauses.
»Ich habe das Gefühl, dass wir gerade Millionen von Jahren in die Vergangenheit gereist sind«, sagte Horace. Er deutete nach oben. Mehrere große Schmetterlinge flogen über die Farne hinweg.
»Ich frage mich, wie er das macht«, sagte Jane. »Ich meine, in dem kleinen Haus gibt es nicht einmal Strom.«
Horace...