Kapitel 1: Chang’an
Winter 637 n. Chr.
Der Hof in Wenshui war karg, kalt und voller Schreie. Mein Leben bei meinen Brüdern hatte jede Illusion von Sicherheit oder Gerechtigkeit ausgelöscht. Doch im Jahr 637 kam eine Nachricht, die alles änderte: Ein entfernter Verwandter in Chang’an war bereit, meine Mutter und mich aufzunehmen. Ich wusste, dass wir in Wenshui keine Zukunft hatten. Hier zu bleiben bedeutete, langsam zu sterben. Also packten wir, was wenig wir besaßen, und verließen Wenshui.
Die Reise nach Chang’an war lang und voller Gefahren. Doch als wir die Stadt erreichten, verschlug es mir den Atem. Chang’an war wie eine andere Welt: Die Straßen waren voller Leben, die hohen Mauern der Stadt strahlten Stärke aus, und die Paläste glitzerten in der Sonne. Doch die Stadt war auch erbarmungslos. Wir waren niemand, zwei Frauen ohne Rang, ohne Geld, ohne Schutz.
Mein Aussehen hatte sich verändert.
Ich war dreizehn, und die Härte der letzten Jahre hatte aus einem Kind eine junge Frau gemacht. Meine Wangenknochen waren schärfer geworden, kantiger, wie gemeißelt aus Entschlossenheit. Die Rundungen meines Gesichts hatten sich gestrafft, als ob selbst die Haut entschied, keine Schwäche mehr zu dulden.
Meine Augen, einst groß vor Staunen, waren jetzt schmaler, kontrollierter. Aber sie beobachteten , alles. Jeder Blick, jede Bewegung, jedes Flüstern. Wachsamkeit hatte sie geformt.
Meine Haut war heller als die meiner Mutter, fast wie glattes Elfenbein, aber sie trug feine Spuren von Sonne und Arbeit. Meine Lippen – oft fest zusammengepresst – hatten die Farbe von dunklem Tee, und wenn ich sprach, tat ich es mit einem Ton, den man nicht von einer Dreizehnjährigen erwartete