Kapitel 1
Princess
Die Glocken haben vor Stunden schon aufgehört zu läuten, es muss also beinahe Mitternacht sein. Dunkel ist es jedenfalls und auch kalt, besonders in meinem Gemach. Jedes Mal, wenn ich ausatme, bildet sich eine kleine Wolke, und innerlich verfluche ich das Dekret meines Vaters, dass jede Flamme im Königreich nach Sonnenuntergang gelöscht werden muss. Es ist demnach unmöglich, der eisigen Kälte, die sich über den Palast gelegt hat, zu entkommen.
Das ist mit Abstand der schlechteste Zeitpunkt für eine Kleideranprobe. Besonders, wenn es sich um ein Brautkleid handelt, das ich nicht vorhabe zu tragen.
Eine Nadel sticht in meine Schulter, und ich keuche vor Schmerz leise auf, versuche aber stillzuhalten.
Dennoch bemerkt es die Näherin. »Vergebt mir, Eure Hoheit«, sagt sie und haucht in ihre Hände – ein Versuch, diese zu wärmen. Sie ist mittleren Alters, hat eine rundliche Figur, und ihr ergrauendes Haar wird in einem Zopf zusammengehalten. »Ich kann meine Finger kaum spüren.«
Sie ist eine der Assistentinnen meiner Schneiderin, ich kenne ihren Namen nicht. Normalerweise wäre ihre Herrin hier, um sie zu beaufsichtigen, aber das hier ist die fünfte Anprobe des Hochzeitskleids, und ich bin mir sicher, dass die zartbesaitete Mistress Revelle angesichts der Kälte und Dunkelheit entschieden hat, dass sie hiermit nichts zu tun haben will.
Für mich macht es keinen Unterschied. Von mir aus könnten sie genauso gut einen Stallburschen bitten, das Kleid zusammenzustecken.
Ich blicke zum Fenster, das von Frost überzogen im Mondlicht leuchtet.
Mein Herz pocht, und ich hoffe auf eine Bewegung draußen, ein Zeichen, dass Asher zurückgekehrt ist, dass er sich in den Schatten versteckt und wartet, bis ich allein bin.
Wenn er hier wäre, dann wäre das alles nicht so schrecklich.
Wenn erhier wäre, dann könnte ich ihn anflehen, mir