Dieselbe Welle, die den Rector Ahlwardt nebst etlichem mißduftigem Tang in den Reichstag geschwemmt, hat dieMilitairvorlage fortgespült und den Tag des Redens in die Nacht des Schweigens gebannt. Unterwegs wurde noch einer Partei, der freisinnigen, das Genick gebrochen. Es ist dieselbe Welle, wenn auch der Heilige von Friedeberg für die Vorlage seine arischarnswaldische Stimme abgegeben. Herr Böckel, der hessische Bauernführer, ist klüger; er schloß sich den Neinsagern an, weil er seine Wähler kennt. Auch das Centrum, sonderlich das süddeutsche, kennt seine Leute, und darum ist der Versuch des Freiherrn von Huene, mit einem coulanten Kundenrabatt an die verehrten, aber heuer eigensinnig geratenen Wähler das Geschäft zustande zu bringen, elend gescheitert. In Süddeutschland hält man überhaupt den ganzen Militarismus für eine preußische Erfindung, und man kann an Biertischen Äußerungen hören, wie: „Wenn’s wieder losgeht, die Bayern gehen nicht mit“, Äußerungen, die darum nicht an Wert verlieren, weil sie gar so naiv sind. Und wie schreibt gar der „Vaterlands“Sigl? „Ein siegreicher Krieg wäre für Bayern das Ende.“ Das Ende, nämlich eine „königlich-preußische Provinz“.
Dieselbe schmerzhaft eingewachsene Unzufriedenheit hat Ahlwardt gewählt und den Reichstag gesprengt. Man ist in der That über alle Maßen unzufrieden – wenn es auch vielleicht eine „unberufene“ Unzufriedenheit ist, man ist mürrisch und verdrossen und hat das Gefühl, als ob irgend so ein Probegastspiel des jüngsten Tages in Sicht sei. Herr von Bennigsen, der staatsmännische, hat nicht ohne Grund von dem wachsenden Pessimismus gesprochen, nur ist es nicht der Pessimismus Schopenhauers, noch weniger der Nietzsches (denn Friedrich Nietzsche ist trotz seines parlamentarischen Impresarios ein enthusiastischer Optimist), es ist der Pessimismus der Verhungernden, der Pessimismus der geplünderten Leiber und gemarterten Seelen. Und zu dem Pessimismus der schweren Not gesellt sich der Pessimismus des Übermuts, die Unzufriedenheit der politischen Gourmands und Gourmets, der Vielesser und Feinschmecker, der Interessenwucherer und Feueranbeter. Diese Pessimisten aus wirtschaftlicher und ästhetischer Luxusgier scharen sich um Bismarck: Bismarck soll die Börse bessern, Bismarck soll die Industrie heben, die Landwirtschaft schützen, Bismarck soll die Blasiertheit der psychischen Lebemänner mit den aufregenden Emanationen genialer Großnatur aufgeißeln – ein politischer Braunscheidtist. Hätten sich nicht die Pessimisten des Übermuts vor der Gewalt des Massenpessimismus gefürchtet, sie hatten sicherlich nichts dagegen gehabt, wenn der derzeitige Administrator der Reichsgeschichte, wenn Graf Caprivi mit seiner Vorlage zugleich explodiert wäre.
Die politische Bewegung wächst sich immer mehr zum politischen Banksturm aus, seitdem nicht mehr Ehrfurcht vor greiser Majestät Schweigen, die Übermacht beglückten Thatmenschentums Bewunderung oder Unterwerfung gebietet. Die öffentliche Meinung, die keine fromme Scheu, keine Schwärmerei und keine gewaltsame Niederhaltung mehr bindet, wird zur Gegenregierung. Man will etwas anderes, etwas Neues, Heilendes und Lösendes. Nur heraus aus dieser Qual drückender Ratlosigkeit, nur heraus, um jeden Preis! Wir sind müde eures ewigen Begehrens, wir geben nichts mehr, macht was ihr wollt, aber laßt uns in Ruhe! Ihr schickt unsere Vertretung nach Hause? Gut! Wir waren schon so mit den Herren unzufrieden, und wir werden euch einen neuen Reichstag fabricieren, der euch zeigen wird, daß wir mehr sind als misera plebs contribuens. Das Opfer dieser verbitterten Stimmung ist die Militairvorlage geworden. Auch die innerlich widerstrebenden Volksvertreter haben nicht gewagt, dem Willen ihrer Wähler zuwider für die Heeresreform einzutreten. Die schönste Militairmusik