Kapitel 2
Sechs Stunden zuvor
Briony saß am Schreibtisch in ihrem Schlafzimmer, den Blick fest auf den Dampf gerichtet, der sich wie tanzende Flammen über ihrer Teetasse kräuselte. Mit einem geistesabwesenden Fingerschnippen stellte sie sich ihre Lieblingsweide unten am Seeufer vor und sah dem Dampf zu, der tat, wie ihm geheißen, und sich zu einem Baumstamm zusammenballte, um dann in hunderten schilfigen Zweigen herabzufallen und das Wasser zu küssen.
Manchmal war es einfacher, irgendetwas Unwichtiges zu verzaubern, wenn ihr der Zauber nicht einfallen wollte, den es bräuchte, um die Welt wieder geradezurücken. Der Dampf über der Teetasse malte ein hübsches Bild, wo schon das Bild, das sich außerhalb der Burgmauern bot, so ganz und gar nichts Hübsches hatte.
Sie fasste nach dem summenden magischen Faden zwischen ihren Augen. Der durchscheinende Nebel über dem heißem Tee bauschte sich und enthüllte den See daneben, und in ihrer Fantasie sah sie die Silhouette eines schlanken, großgewachsenen Jungen, der gleich neben dem Baumstamm saß. Gerade hatte sie das Buch in seinen Händen heraufbeschworen, da ging ihre Schlafzimmertür auf. Briony schreckte hoch, die Weide war verschwunden, und der Dampf kräuselte sich wieder wie eh und je.
Mit einem Ruck drehte sie sich um und fühlte sich beinahe auf frischer Tat ertappt, da sah sie Rory in der Tür stehen.
»Ist es schon so weit?«, fragte sie mit einem Blick zur Uhr.
»Nein, ich … wollte bloß mal vorbeischauen.«
Briony verzog das Gesicht. »Tu das nicht.«
»Was denn?«
»Dich verabschieden.«
»Schön, dann eben nicht.«
»Gut.«
Seine Lippen zuckten. Die Ähnlichkeit zwischen ihnen war nicht zu übersehen: derselbe geschwungene Mund, dieselben braunen Augen, dieselben Wangenknochen. Seine Nase war breiter, wie die von ihrem Vater, dafür hatte seine Zwillingsschwester wellige Haare wie ihre Mutter, aber ansonsten glichen sie sich wie ein Ei dem anderen.
Rory hakte die Daumen in die Hose, die er eigens für die alles entscheidende Schlacht hatte schneidern lassen. »Aber sei gewarnt, Didion will sich auch noch von dir verabschieden. Und bestimmt hat er dir mehr zu sagen als bloß auf Wiedersehen …«
Briony stöhnte entnervt und sah zur hohen Zimmerdecke. »Alles deine Schuld«, sagte sie. »Hättest du Cordelia keinen Antrag gemacht, wäre Didion nie auf so einen dummen Gedanken gekommen.«
Rory ließ sich auf ihr Bett fallen. »Mal im Ernst, der ›Gedanke‹ ist ihm vermutlich gekommen, weil du dich mit ihm zu Mitternachtsspaziergängen verabredet hast …«
Sie schnappte nach Luft. »Woher weißt du das? Das ist über ein Jahr her, und wir sind bloß spazieren gegangen, weiter nichts!«
Rory schaute ihr in die Augen. »Und tagsüber hattest du leider keine Zeit zum Spazierengehen?«
Briony biss sich auf die Lippe. »Also schön, vielleicht war da ein klitzekleines Bisschen mehr …«
Rory hielt sich die Ohren zu. »Hör auf.«
»Aber ich schwöre dir, meine Unschuld ist unversehrt.«
Er drehte sich auf den Rücken und kniff die Augen fest zusammen. »Halt den Mund, bitte, ich flehe dich an.«
Lachend ließ Briony sich auf die andere Bettseite fallen. »Will sich sonst noch jemand verabschieden? Gibt es noch mehr Verehrer, von denen ich wissen sollte?« Sie bauschte ihr fließendes Sommerkleid auf und strich es glatt.
Rory lächelte, aber seine Mundwinkel zeigten nach unten wie schmelzende