EINS
Der Wald war finster, drohend, still. Das Mädchen kauerte vor einem Baumstumpf, die Arme um sich geschlungen, die Beine angezogen, das Kinn auf ihre Knie gedrückt. Die ganze Nacht hatte sie hier draußen verbracht. Kälte kroch aus dem feuchten Boden herauf, umklammerte sie mit festem Griff.
Wenn der Wind in die Wipfel der Bäume stieß, entstand ein Säuseln, und Geister schienenüber ihr zu erwachen, sich wispernd zu ihr herabzuwinden. Da war ein Raunen, Zischeln, als würden sich böse Zungen an ihrem Unheil weiden.
Manchmal war ihr, als würde sie vor Erschöpfung in sich zusammenfallen, in der Erde versinken und unter Würmern ihr Ende finden. Dann aber gab sie sich einen Ruck, riss die Augen auf und versuchte, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Sie hoffte, dass bald die Dämmerung heranzog, ihr einen Weg aus diesem Dickicht wies.
Doch um sie herum nichts als Schatten, die Ahnung von einem Gewirr ausÄsten, Zweigen, wie knochige Finger, die nach ihr griffen. Das Mädchen hatte Angst. Ihre Zähne schlugen aufeinander, ein Beben ging durch ihren Körper. Wenn nicht bald der Morgen heraufdämmerte und mit ihm ein fahles Novemberlicht, wenn sie sich nicht endlich aufmachen könnte, um aus dieser düsteren Gegend herauszukommen, würde sie erfrieren.
Sie musste aufstehen, sich bewegen. Unter Mühen streckte sie ihre tauben Glieder. Ihre Hände suchten nach Halt an einem Stamm, um sich hochzuziehen. Erschrocken wich sie zurück, als sie in etwas Weiches fasste. Sie vernahm, wie sie leise aufschrie, und ihr Atem stockte.
Nur Moos, durchfuhr es sie, klammüberwucherte Baumrinde, glitschig vom Regen in dieser Nacht. Als sie aufrecht stand, tastete sie sich weiter voran. Der Waldboden war aufgeweicht, ihre Schuhe waren durchnässt. Sie war zu dünn bekleidet, nur ein Kleid auf ihrer Haut, von Dornen zerrissen, darüber ein Anorak, nicht warm genug für diese Jahreszeit.
Ängstlich spähte sie zum Himmel hinauf. Und endlich erkannte sie einen Streifen Licht. Die Umrisse der Bäume wurden deutlicher, wie knorrige Gestalten standen sie vor ihr, gedrungen, ihr feindlich gesonnen. Dunstig troff es von den Blättern herab, es roch modrig, nach herbstlichem Zerfall. Sie musste raus aus diesem Wald, doch ihr fehlte jegliche Orientierung. Sie war tief hineingeraten, hoffnungslos verirrt. Panik befiel sie, als ihr der Gedanke kam, sie würde es niemals schaffen. Zu entkräftet war sie, mutlos und verzweifelt.
Schließlich aber machte sie im Unterholz einen Pfad aus, dem sie mit schleppenden Schritten folgte. Sie fröstelte, es schüttelte sie. Ermattet vom Aufkeimen eines Fiebers, wankte sie voran. Schneller, dachte sie, nicht stehen bleiben. Doch ihre Beine fühlten sich an, als sei kein Blut mehr in ihnen, und in ihren Lungen war ein Stechen wie von tausend Messerspitzen.
Auf einmal hörte sie etwas. In der Höhe. Weitüber den Wipfeln. Krächzende Schreie am Himmel.
Kroaah. Kroaah.
Raben, dachte das Mädchen, hielt inne und starrte nach oben. Da waren sie. Sie erkannte sie an ihren Rufen, ahnte ihre Gegenwart mehr, als dass sie die Vögel durchs Herbstlaub sehen konnte.
Kroaah. Kroaah.
Plötzlich fasste das Mädchen neuen Mut. Wenn Raben in der Nähe waren, sollte das ein Zeichen für sie sein. Bald darauf hatte sie eine Lichtung erreicht.
Und nun erblickte sie die schwarzen Vögel. Hoch oben waren sie. Elegant wirbelten sie durch die Morgendämmerung, kühn tollten sie in der Luft. Stiegen auf, schnell, blitzschnell, um sich dann plötzlich fallen zu lassen. Tiefer stürzten sie, immer tiefer, und dann, akrobatisch, ausgelassen, fingen sie sich wieder. Die Flügel ausgebreitet, schließlich seitwärts, sie wippten am Himmel, schienen zu kippen. Danachüberschlugen sie sich, ein Salto, gekonnt turnendüber ihr, frei und gelöst, dann wieder in der Senkrechten, aufrecht, im Segelflug.
Und ihre Rufe. So jubelnd, laut, dass es weit durch den Wald hallte, als wollten sie dem Mädchen etwas mitteilen.
Kroaah. Kroaah. Gib nicht auf. Gib nicht auf.
Einige Zeit sah sie ihnen staunend zu, bis sie wieder die Kälte in ihren Knochen spürte. Sie hastete weiter, verließ die Lichtung. Auf einmal war ihr, als würden die Raben ihr den Weg weisen. Während sie sich durch das Gestrüpp arbeitete, hörte sie ihre Lauteüber sich. Ein ganzer Schwarm schienüber die Baumwipfel hinwegzugleiten. Ihr war, als riefen sie:Voran. Voran.
Und das Mädchen beeilte sich. Sie lief, so schnell sie nur konnte. Schwer atmend rannte sie durch den dichten Wald, vorbei an uralten Buchen, behangen mit Flechten, graugrün im Zwielicht, hoch ihre Stämme, morastig das abgeworfene Laub.
Je enger die Bäume beieinanderstanden, desto schlechter die Sicht. Blasser Dämmer am Himmel, doch weiter unten mehr Düsternis als Licht. Verschwommen, wie Schattenrisse, da