: Helmut Schmiedt
: Werther trifft Winnetou Über Goethe und Karl May
: Karl-May-Verlag
: 9783780216373
: 1
: CHF 17.60
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: Kulturgeschichte
: German
: 360
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Es gibt mehrere gute Gründe, vergleichende Blicke auf die Schriftsteller Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832) und Karl May (1842 - 1912) zu werfen. 1. die Qualität ihres literarischen Werks: Goethe ist der größte deutsche Dichter schlechthin bzw., nach neuerem Urteil, einer der größten, und May reiht sich auf seinem speziellen Gebiet des Erzählens ebenfalls in den Kreis der Besten ein 2. die enorme Breite und Vielfalt ihrer Aktivitäten, nicht nur im literarischen Bereich, sondern auch im Leben: Es tun sich jeweils Welten auf, von denen schwer vorstellbar ist, wie ein Einzelner sie alle hat durchmessen können 3. der hohe und einzigartige Bekanntheitsgrad ihrer herausragenden Figuren: Winnetou ist neben Faust wohl die berühmteste Figur der deutschen Literatur. Eine solche Konstellation schreit geradezu nach einer Untersuchung, die Leben, Werk und Wirkung Goethes und Mays gemeinsam inspiziert. Was bisher fehlte, ist der Versuch, die verschiedenen Mosaiksteine zusammenzusetzen und umsichtig zu ergänzen, sodass ein größeres Ganzes entsteht. Hier soll er unternommen werden.

Helmut Schmiedt (* 25.09.1950) war bis 2015 Professor für Germanistik/Neuere Literaturwissenschaft an der Universität Koblenz-Landau. Er beschäftigt sich vor allem mit Unterhaltungs- und Gegenwartsliteratur, aber auch mit der Literatur des 18. Jahrhunderts, darunter der Zeit des Sturm und Drang, und ist ein versierter Kenner von Leben und Werk Karl Mays. Schmiedt hat sich in zahlreichen Buch- und Zeitschriftenveröffentlichung n mit Karl May auseinandergesetzt und erprobt verschiedenste literaturwissenschaftliche Methoden an dessen Werk, um zu immer differenzierteren Deutungen zu gelangen. Neben formalen Beschreibungen von Mays Erzählkunst unternahm Schmiedt Untersuchungen zur Editions- und Motivgeschichte, verfolgte psychoanalytische und gattungstypologische Ansätze. Er ist Mitglied der Karl-May-Gesellschaft, deren Vorstand er viele Jahre lang angehörte, und stellvertretender Vorsitzender der Goethe-Gesellschaft Köln. 2018 veröffentlichte er im Karl-May-Verlag das Buch 'Die Winnetou-Trilogie. Über Karl Mays berühmtesten Roman', 2024 'Werther trifft Winnetou. Über Goethe und Karl May'.

Einleitung


Wenn man die Formulierungen, mit denen dieses Buch beginnt, so ernst nimmt, wie sie gemeint sind, gibt es mehrere gute Gründe, vergleichende Blicke auf die Schriftsteller Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) und Karl May (1842–1912) zu werfen. Erstens zeichnen sie sich durch eine überragende Qualität ihres literarischen Werks aus: Goethe ist der größte deutsche Dichter schlechthin bzw., nach neuerem Urteil, einer der größten, und May reiht sich auf dem speziellen Gebiet des Erzählens ebenfalls in den Kreis der Besten ein und verpasst vielleicht nur aufgrund seiner Herkunft eine noch positivere Einstufung. Zweitens imponieren beide durch die enorme Breite und Vielfalt ihrer Aktivitäten, und das betrifft neben der literarischen Tätigkeit auch ihr sonstiges Leben: Der „Anatom“ und der „Übersetzer“, der „Höfling“ und der „Kritiker“ hier, der „Völkerversteher“, „Angeber“ und „Nietzsche-Antagonist“ da – es tun sich jeweils Welten auf, von denen schwer vorstellbar ist, wie ein Einzelner sie alle hat durchmessen können. Drittens schließlich ist der Bekanntheitsgrad ihrer herausragenden Figuren einzigartig.

Eine solche Konstellation schreit geradezu nach einer Untersuchung, die Leben, Werk und Wirkung Goethes und Mays gemeinsam inspiziert. Tatsächlich liegt dazu schon eine Reihe von Arbeiten vor, die allerdings klein sind und stets nur Detailaspekten gelten. Der Verfasser dieses Buches hat selbst einiges dazu beigetragen; nähere Informationen finden sich am Ende der Einleitung. Ferner hat – um nur ein paar weitere Beispiele zu nennen – Hermann Wohlgschaft, Autor der umfangreichsten aller May-Biografien, bei einem Gedicht Mays intensiv „an Goethes Hymnendichtungen“1 gedacht und Mays Lebensweg mit demjenigen Fausts verglichen.2 In einer kühnen Anwendung moderner Literaturtheorie hat ein anderer Autor GoethesItalienische Reise als „antizipierendes Plagiat“3 von Mays großem Orientroman –Durch die Wüste und so weiter – identifiziert und damit, wie schon der Untertitel seines Beitrags mitteilt, das Problem Goethe/May für endgültig gelöst erklärt; an dieser Stelle möge sich der geneigte Leser, in Übereinstimmung mit jenem Verfasser, ein Smiley vorstellen. Was bisher fehlt, ist der Versuch, die verschiedenen Mosaiksteine zusammenzusetzen und umsichtig zu ergänzen, sodass ein größeres Ganzes entsteht. Hier soll er unternommen werden.

Wer sich auf seine literarischen Kenntnisse etwas zugutehält und ein wenig genauer über die Herren Goethe und May informiert ist, mag allerdings spontan Anlass zu Misstrauen verspüren: Ist es wirklich sinnvoll und mehr als Effekthascherei, sie in einen solchen Zusammenhang zu bringen? Käme das nicht dem sprichwörtlichen Versuch nahe, Äpfel mit Birnen zu vergleichen? Sind die Ähnlichkeiten, die von den oben wiedergegebenen Zitaten suggeriert werden, nicht bloß oberflächlicher Natur? Dass Schriftsteller schillernde Persönlichkeiten und fleißig sind, lässt sich schließlich über eine Vielzahl von ihnen sagen, und die unterstellte exponierte Position dieser beiden ergibt sich nach weit verbreitetem Urteil offenbar doch auf höchst unterschiedliche Weise: Bei Goethe ist es die einzigartige künstlerische und intellektuelle Qualität seiner Arbeit, die ihm eine Ausnahmestellung einräumt, während Ernst Blochs Einschätzung der epischen Qualitäten von Mays Werk nicht gerade zum Allgemeingut der Literaturexperten gehört und Mays besonderer Rang eher daraus resultiert, dass er zu den kommerziell erfolgreichsten Schriftstellern der deutschen Literaturgeschichte zählt oder da vielleicht gar den Spitzenplatz einnimmt.

Auch Gesichtspunkte, die mit Werturteilen nichts zu tun haben, nähren die Skepsis. Es ist grundsätzlich immer schwer, Personen zu vergleichen, die verschiedenen historischen Epochen angehören. Was die literarische Arbeit betrifft, so hat Goethe sich auf allen nur denkbaren Gebieten exponiert, als Epiker, Dramatiker und Lyriker, während Mays Ruhm sich weitestgehend auf seine erzählenden Schriften stützt und die übrigen – auch wenn da einiges vorhanden ist – kaum Beachtung fanden. Führt man also nicht gewaltsam völlig Unterschiedliches zusammen, wenn man das Projekt einer umfassenden Gegenüberstellung Goethes und Mays verfolgt?

An dieser Stelle ist es notwendig, ein wenig über den Sinn des Vergleichens nachzudenken. Da in ‚Vergleich‘ das Wort ‚gleich‘ steckt, liegt der Gedanke nahe, dass man nur Dinge nebeneinander betrachten sollte, die viel G