: Johannes Zeilinger
: Dr. med. Karl May Medizinisches im Leben und Werk Karl Mays
: Karl-May-Verlag
: 9783780216366
: 1
: CHF 17.60
:
: Biographien, Autobiographien
: German
: 416
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der unerfüllte Wunsch des jungen Karl May, Arzt zu werden, hat in seiner Romanwelt zahlreiche Spuren hinterlassen. Dort brilliert nicht nur Karl Sternau mit seiner umfassenden ärztlichen Kunst, auch Kara Ben Nemsi und Winnetou erstaunen mit ihren vielseitigen medizinischen Kenntnissen und Erfolgen. Zahlreich sind daher Krankenheilungen, die mal penibel recherchiert und mal fantasievoll ersonnen sind. Der Band ist mit seiner Auflistung all der medizinischen Episoden nicht zuletzt auch ein Spaziergang durch die Geschichte der Heilkunst und schließt überdies die komplexe Persönlichkeit des kreativen Schriftstellers in seine analytische Betrachtung mit ein.

Dr. med. Johannes Zeilinger: Geboren 1948 in Wolfratshausen. Facharzt für Chirurgie und Sportmedizin. Studium der Medizin und Psychologie in Würzburg und Berlin. Kliniktätigkeit in München und Berlin. Promotion mit dem Thema 'Autor in fabula. Karl Mays Psychopathologie und die Rolle der Medizin in seinem Orientzyklus'. Initiator und Kurator der Karl-May-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum 2007. Von 2007 bis 2019 Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft. Autor und Herausgeber von zahlreichen Veröffentlichungen zu Karl May und zur Geschichte Zyperns sowie biografische Arbeiten zu Lya de Putti, Frederick A. Cook und B. Traven.

Kapitel 2


„Ich wurde als ein krankes, schwaches Kind geboren...“


Im Dunkel


‚Das Licht der Welt erblicken‘ ist eine gängige, bisweilen aber beschönigende Metapher für den Akt des Geborenwerdens, und für Carl Friedrich May, der am 25. Februar 1842 gegen 10 Uhr abends in einem kleinen Weberhäuschen in der Ernstthaler Niedergasse 122 auf die Welt kam, wird sie sicher nicht gegolten haben, denn es war dunkler Winter und das Licht der Welt erschöpfte sich in ein, zwei blakenden Öllampen und Kerzen. Auch der kleine Ort Ernstthal, an den Nordausläufern des Erzgebirges gelegen, war für den Neugeborenen alles andere als ein Glücksfall, lag er doch in einem herabgewirtschafteten Rest deutscher Kleinstaaterei, der Herrschaft Schönburg, und war einer „jener verlorenen menschlichen Siedlungsplätze [...] deren Bewohner aber mit stetigem Fleiß das Vermögen der Gesellschaft mehren helfen, ohne jedoch an diesem Reichtum selbst teilzuhaben: ein Wohnplatz der Bedürftigen, der armen Leute.“55 Es scheint, dass der kleine Karl bei seiner Geburt einen schwächlichen, wenig widerstandsfähigen Eindruck machte, denn keine 24 Stunden später, am 26. Februar, wurde er in der unweit gelegenen Kirche St. Trinitatis getauft – zumindest die jenseitige Welt sollte ihn willkommen heißen. Dort hielten sich schon drei zuvor geborene Geschwister auf, doch Karl überlebte, auch wenn eine Weile unklar blieb, ob er ihnen nicht doch noch würde folgen müssen. Denn schon kurz nach der Geburt, so May in seiner Autobiografie, erkrankte er schwer, verlor das Augenlicht und siechte vier volle Jahre dahin. Ursache war nicht etwa eine angeborene, eine ererbte Störung, sondern der Umstand „der rein örtlichen Verhältnisse, der Armut, des Unverstandes und der verderblichen Medikasterei“56, denen das Kind zum Opfer fiel. Als er schließlich in die Hand eines tüchtigen Arztes kam, kehrte das Augenlicht wieder, „und ich wurde ein höchst kräftiger und widerstandsfähiger Junge, der es mit jedem anderen aufnehmen konnte“57 – young Shatterhand also.

Karl Mays Geburtshaus in Ernstthal

Da die Erkrankung folgenlos ausheilte, hätte May sie in seiner Erinnerung als Episode ablegen können, als vielleicht ungewöhnliche, letztlich aber glücklich und vollständig überwundene Kinderkrankheit, wie andere später über ihren Keuchhusten erzählen oder ein juckendes Ekzem, die sie einst als Kinder quälten. Doch May gab in seinem Lebensrückblick der frühkindlichen Erkrankung eine qualitativ überhöhte Bedeutung, sie wurde zu einem Schicksalsschlag, der seinen weiteren Lebensweg wie auch seine Persönlichkeitsentwicklung entscheidend bestimmte. Vor allem in der zeitweiligen Erblindung sah er den zentralen Zugang zum Verständnis seiner Person und seines Werks, seines Gespaltenseins zwischen Innen- und Außenwelt, und somit sollte sie seine später manifest gewordene Psychopathie legitimieren: „Nur wer blind gewesen ist und wieder sehend wurde, und nur wer eine so tief gegründete und so mächtige Innenwelt besaß, daß sie selbst dann, als er sehend wurde, für lebenslang seine ganze Außenwelt beherrschte, nur der kann sich in alles hineindenken, was ich plante, was ich tat und was ich schrieb, und nur der besitzt die Fähigkeit, mich zu kritisieren,sonst keiner!58 Für Mays apologetisches Arsenal sicher eine wichtige Waffe, geradezu eine Totschlagkeule, denn keiner seiner Kritiker wird diesen Ansprüchen genügt haben – genauso übrigens wie keiner seiner Leser und Bewunderer, denen mangels eigener überstandener Blindh