: Simon Reynolds
: Rip It Up And Start Again SCHMEISS alles hin und fang NEU an: POSTPUNK 1978-1984
: Hannibal
: 9783854457862
: 1
: CHF 8.90
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: Biographien, Autobiographien
: German
: 576
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Schmeiß alles hin und fang neu an Auf rund 600 Seiten stellt Simon Reynolds Bands und Musiker vor, die auf ganz unterschiedliche Weise das Rad der Musikkultur neu erfanden: Public Image Limited, The Buzzcocks, Devo, Pere Ubu, The Pop Group, The Slits, Scritti Politti, Gang Of Four, Joy Division, Wire, Talking Heads, The Fall, Robert Wayatt, The Specials, Cabaret Voltaire, Throbbing Gristle, The Human League, ABC, Art Of Noise und Frankie Goes To Hollywood, um nur einige zu nennen. Im Sommer 1976 explodierte Punk - und zwei Jahre später waren nur noch Rauchwolken und ein Häufchen Asche übrig. Johnny Rotten fragte beim letzten Konzert der Sex Pistols spöttisch ins Publikum: »Schon mal das Gefühl gehabt, verarscht worden zu sein?«. Damit brachte er die Enttäuschung und Verbitterung vieler Protagonisten und Fans der folgenreichsten Kulturrevolution der Siebzigerjahre auf den Punkt.   Hier setzt Simon Reynolds an. In 'Rip It Up And Start Again' nimmt er jene Musikgeneration unter die Lupe, für die das Ende von Punk ein Anfang war. Viele von ihnen hatten die Kunsthochschule besucht und kannten sich nicht nur in Musik, sondern auch in Literatur, Philosophie und Theater aus. Anders als die Punks vor ihnen fürchteten sie sich nicht vor tanzbaren Grooves, hatten keine Angst vor Synthesizern und scheuten einzig und allein die Konventionen des Rock. Sie wollten sich keiner Bewegung unterordnen, sondern bildeten ihre jeweils eigene. Während die Politik weltweit nach rechts rückte und das Orwell-Jahr 1984 bedrohlich nahe rückte, verweigerten sich die Vertreter des Postpunk der rockistischen Herz-Schmerz-Lyrik und beschrieben die Trostlosigkeit der ehemals blühenden Industriestädte. Sie wetterten gegen Rassismus oder besangen Jacques Derrida. Indem sie sich nicht nur auf die Musik beschränkten, gelang ihnen der Entwurf einer echten Gegenkultur: Sie organisierten sich selbst und setzten den Do-It-Yourself-Gedanken endlich in die Tat um. Bands und Fanzines schossen wie Pilze aus dem Boden; es entstand ein Netzwerk aus unabhängigen Studios, Labels und Vertrieben.   Simon Reynolds behauptet daher: Das Versprechen von Punk wurde erst mit Postpunk eingelöst. Doch auch einem neuen Begriff von Pop wurde der Weg geebnet. Bands, die einst in der Absicht angetreten waren, das kommerzielle System von innen zu verändern, gingen im Mainstream auf, und der Erfolg ließ ihre Träume platzen!

Simon Reynolds, 1963 in London geboren, war von 1986 bis 1990 Redakteur der englischen Musikzeitschrift Melody Maker. Ein Buch mit seinen Texten aus jener Zeit erschien 1990 unter dem Titel Blissed Out: The Raptures Of Rock. Seit 1994 lebt Reynolds im East Village in Manhattan. Er schreibt für Zeitungen und Zeitschriften wie New York Times, Village Voice, Spin, The Guaridan, Rolling Stone, The Observer, Artforum, The Wire und Uncut. 1995 erschien das Buch The Sex Revolts: Gender, Rebellion& Rock'n'Roll, das er zusammen mit seiner Frau Joy Press schrieb; 1998 folgte Generation Ecstasy: Into World Of Techno And Rave Culture In America. Seit Ende 2002 betreibt Reynolds im Internet seinen Blissblog.

Delirium und Klarsicht

Vorwort zur deutschen Ausgabe von Klaus Walter.

„Gang Of Four scheint ja im Moment die wichtigste Band des Universums zu sein. Was mich stört an den ganzen Bands, die jetzt so klingen wie Gang Of Four: dass man völlig vergisst, warum diese Musik so klang, wie sie klang.
Der Sound wird ganz gut nachempfunden, nur dass das Marxisten waren, ­Kid-Marxisten, die überlegt haben, wie man die Widersprüchlichkeit des Bestehenden in eine Form gießt, das fällt völlig unter den Tisch. Als ich das als Jugendlicher gehört habe, da habe ich nicht alles verstanden, teilweise bis heute nicht, aber da war was in dieser Haltung, das war halt mehr als nur ein Style.“

Ted Gaier von den Goldenen Zitronen im Frühjahr 2006

Für Deutschegibt es viele Gründe, auf England neidisch zu sein. Auf die Engländer mit ihrem Pop, ihrem Punk, ihrem Postpunk. Auf eine Popkultur, die Bücher wie dieses hervorbringt. Auf eine Band wie Orange Juice, deren größter Hit diesem Buch seinen Titel gab. Dabei sind Orange Juice gar keine Engländer, sondern Schotten. Ihre Schallplattenfirma hieß Postcard, wie romantisch. Im Untertitel: The Sound of Young Scotland. Der Slogan war Diebstahl und Verneigung zugleich. Die Soulfabrik Motown warb mit der Behauptung: The Sound of Young America. Wie Techno in den Achtzigerjahren ist Motown in den Sechzigern ein Produkt der Ford-Stadt Detroit. Simon Reynolds hat an anderer Stelle kluge Texte geschrieben über die Binnenbeziehungen der Detroit-Sounds, aber zurück zu Orange Juice. Auch die Schotten haben ihre Motown-Connection geknüpft: „(Just Like The Four Tops) I Can’t Help Myself“, ihre Verbeugung vor der operettenhaftesten aller Motown-Gesangsgruppen, ist neben „Rip It Up (And Start Again)“ der andere große Orange-Juice-Hit der Postpunkära.

Orangensaft. Was für ein Bandname. Kein Bourbon, kein Scotch, kein Bier. Dazu trugen sie kurze Hosen, Pullunder und Ponyfransen: „I wear my fringe like Roger McGuinn’s“, singt Edwyn Collins („Ich trag meinen Pony wie Roger McGuinn“).Wimpseben. Die herabsetzende Bezeichnungwimpfür weiche, schwächliche, unmännliche Typen – im Deutschen würde man sie Weicheier nennen – wird in den frühen Achtzigern von britischen Popleuten umcodiert. Schottische Bands wie Aztec Camera, Josef K oder Orange Juice tragen die Bezeichnungwimpmit Stolz. In einer Rocklandschaft, in der hypervirile Modelle wie Bruce Springsteen, Mick Jagger oder David Lee Roth den Ton und den Look angeben, ist die ostentative Abrüstung der Männlichkeit, die freiwillige Verwimpung, ein geschlechterpolitisches Manöver. Und geschlechterpolitisch wurden die Karten um die Jahrzehntwende von den Siebzigern zu den Achtzigern so gründlich neu gemischt wie in keiner anderen Epoche der Popmusik. Postpunk war mehr als die schlichte Negation von Cock-Rock. Was zwischen 1978 und 1984 passierte, hat die feministisch geprägte Gruppe Au-Pairs zu einem Albumtitel verdichtet, der auch als Leitmotiv dieses Buches gelten könnte:Playing With A Different Sex.

Die Auswirkungen der von Postpunk ausgelösten geschlechter- und stil­politischen Erschütterungen lassen sich in den Achtzigern bis an die Spitze der Charts nachverfolgen. Nie zuvor – und auch danach nie wieder – gab es derart viele Hits von Acts, die so offensichtlich von der heterosexuellen Norm abwichen: Soft Cell, Bronski Beat, Frankie Goes To Hollywood, Culture Club, Wham!, Marilyn … und selbst Heterojungs wie die Gebrüder Kemp kamen mit Spandau Ballet daher, als wollten sie beim Maskenball der Friseurinnung auftreten.

Einen Hit aus dieser kurzen Blütezeit des Massenpop hat Simon Reynolds zum Titel seiner Postpunkchronik gemacht. Als „Rip It Up (And Start Again)“ im Sommer 1982 in die Charts einstieg, konnte man für einen Moment glauben, dass alles möglich ist. Wenn diese kauzigen Weicheier mit ihren kurzen Hosen und dem schweren Schottenakzent, wenn diesequeer folks,diese komischen Vögel mit ihrem handwerklich bescheidenen aber einfallsreich souligen Versuch, den Groove von Chic mit der coolen Attitüde von Velvet Underground zu versöhnen – wenn es also tatsächlich Orange Juice in die Top 10 schafften, dann musste eigentlich alles gehen. Ging dann aber doch nicht. Rip it up and start again – zerreißen und neu anfangen, das entspricht einer spezifisch britischen Vorstellung von (Post-)Punk: Es enthält die Aufforderung zum Selbermachen, aber auch die Absage an bewährte Formeln. Damit argumentiert Reynolds gegen die vor allem in den USA verbreitete Rezeption von Punk als überfälliger Frischzellenkur des Rock ’n’ Roll. In dieser Version der Geschichte, für die sich in Deutschland Männer wie Wolfgang Doebeling oder Jörg Gülden starkgemacht haben, ist Punk das reinigende Gewitter, das dem Rock Flausen wie P