I.
Der Revolutionär Kurt Eisner
Aus persönlichen Erlebnissen ǀ 19292
Felix Fechenbach
1. VOM SOZIALREFORMER ZUM REVOLUTIONÄREN SOZIALISTEN
Ich habe Kurt Eisner erst während seiner Münchener Jahre persönlich kennen gelernt, und die Zeit, die ich mit ihm verbringen durfte, gehört zu meiner erhebendsten und erlebnisreichsten. Ob ich einen seiner fein durchdachten Vorträge in Versammlungen der sozialistischen Jugend, in Veranstaltungen des Bildungsausschusses der Partei und der Gewerkschaften, oder in den Diskussionsabenden hörte, ob ich nach Versammlungen gemeinsam mit anderen Freunden mit ihm im Gespräch zusammen war, es war immer etwas ganz Besonderes, einen Abend mit Kurt Eisner verbringen zu können. Und dann später der offene Kampf gegen den Krieg, der Munitionsarbeiterstreik, die Tage der revolutionären Erhebung im November 1918! Da wurde die Idee wirklich, daß zwischen Gedanken und Tat kein Widerspruch und kein Zeitraum stehen dürfe. Das war es dann auch, was mich ihm politisch und persönlich so nahe brachte: Das Abstreifen der Lebensangst, das Wegwerfen der Sorge um die Existenz, die leidenschaftliche Hingabe an die Idee, die große, reine, opfernde Leidenschaft, von der Kurt Eisner erfüllt war, die er bei anderen gesucht und in ihnen entflammt hat. Nie vorher hatte ich das alles so stark gefühlt, wie in der letzten Versammlung, in der Kurt Eisner während des Munitionsarbeiterstreiks im Januar 1918 sprach, wenig Stunden vor seiner Verhaftung.
Als Kurt Eisner damals für achteinhalb Monate in Untersuchungshaft kam, machte er nicht das erste Mal mit der düsteren Welt hinter Gittern Bekanntschaft. Schon 21 Jahre vorher hatte ihn die preußische Justiz neun Monate ins Plötzenseer Gefängnis geschickt. Der Anlaß war seine 1897 in der Berliner „Kritik“ erschienene Neujahrsbetrachtung „Ein undiplomatischer Neujahrsempfang“. Eisner war seit 1893 politischer Redakteur in Marburg an der Lahn an der von dem späteren sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten PaulBader neugegründeten „Hessischen Landeszeitung“. Dieses sozialreformerisch – demokratische Blatt führte einen erbitterten Kampf gegen den antisemitischen Reichstagsabgeordneten Böckel und warb um die Seele der Kleinbauern, denen es klarzumachen suchte, daß ihr Geschick nicht mit dem damals neugegründeten „Bund der Landwirte“ verknüpft werden dürfe, daß sie vielmehr natürliche Bundesgenossen der Industriearbeiter seien. Der Wirkungskreis in Marburg war Eisner zu eng. Er schrieb deshalb als Politischer Essayist viel für angesehene Berliner Zeitschriften, besonders für die „Kritik“. Das war auch aus wirtschaftlichen Gründen notwendig; sein Redakteurgehalt war sehr niedrig. Ein Teil seiner Aufsätze aus jener Zeit erschien später als Buch zusammengefaßt unter dem Titel„Taggeist“.
Kurt Eisner kam aus dem Bürgertum. Eine Ironie der Weltgeschichte ist es, daß dieser leidenschaftliche Kämpfer gegen Junkertum und Militarismus, dieser glühende Hasser des Ewig-„Preußischen“ im alten Untertanenstaat, geboren wurde – am 14. Mai 1867 – als der Sohn des jüdischen Militäreffekten-Fabrikanten Emmanuel Eisner in Berlin, der Hoflieferant mehrerer Majestäten war. Kurt Eisners Großvater war Gutspächter bei Hussinecz in Böhmen, dem Geburtsort des tschechischen Rebellen und Reformators JohannesHus.
Der Sohn des Militäreffekten-Fabrikanten Unter den Linden hatte als Junge schon ein starkes Gefühl für soziale Ungerechtigkeiten. Im Norden Berlins durchstreifte er die Proletarierviertel, lernte dort die Not derer kennen, die im Schatten leben, und fühlte sich als Sohn vermögender Eltern mitschuldig an dem Elend der Besitzlosen. Der Sohn d