: Kurt Eisner, Felix Fechenbach
: Peter Bürger
: Kurt Eisner als Revolutionär und Ankläger des deutschen Militarismus Ein Lesebuch - eingeleitet durch die Darstellung des Weggefährten Felix Fechenbach
: Books on Demand
: 9783769396836
: edition pace
: 1
: CHF 4.50
:
: Biographien, Autobiographien
: German
: 464
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der vorliegende Band zur Schalom-Bibliothek ist dem Revolutionär Kurt Eisner (1867-1919) gewidmet, der Anfang 1918 die Münchener Munitionsarbeiter erfolgreich zum Streik ermutigt und nach monatelanger Haftzeit als politischer Gefangener unverdrossen danach trachtet, das System der deutschen Kriegerkaste zu überwinden. Im Zuge eines ganz und gar unglaublichen, weithin gewaltfreien Umsturzgeschehens wird dieser scharfe Kritiker des militärgläubigen Establishments der SPD erster Ministerpräsident des"Freistaates Bayern". In vier Abteilungen versammelt das Lesebuch Texte von Kurt Eisner und mehreren Zeitgenossen. Ein Auswahl von Essays vermittelt, dass Eisner mitnichten ein"reformistischer Schöngeist" oder Träumer gewesen ist. Die einleitende Gesamtdarstellung stammt aus der Feder des Weggefährten Felix Fechenbach (1933 von den Nazis ermordet), der zu Beginn des Jahres 1918 auf Seiten der Jugend am linkspazifistischen Protest in München beteiligt war und nach der Revolution als Sekretär des Ministerpräsidenten gewirkt hat. Als Quellen treten Eisners Aufrufe und Reden bis zum Tag der Ermordung hinzu:"Es steht heute fest, dass dieser Krieg von einer kleinen Horde preußisch-wahnsinniger Militärs in Deutschland, die verbündet waren mit Schwerindustriellen und Weltpolitikern, Kapitalisten und Fürsten, gemacht worden ist" (Februar 1919). In der letzten Abteilung"Zeitgenossen über Kurt Eisner" sind mit Gustav Landauer, Kurt Tucholsky, Theodor Lessing und Ernst Toller vier weitere Autoren vertreten, die selbst den Attacken antipazifistischer Judenfeinde ausgesetzt waren. - Besondere Aufmerksamkeit verdient zudem eine Gedenkrede Heinrich Manns vom 16. März 1919:"Der erste wahrhaft geistige Mensch an der Spitze eines deutschen Staates erschien Jenen, die über die zusammengebrochene Macht nicht hinwegkamen, als Fremdling und als schlecht." Deshalb also musste Kurt Eisner - so oder so - beseitigt werden. edition pace. Regal: Pazifisten& Antimilitaristen aus jüdischen Familien 7. Herausgegeben und bearbeitet von Peter Bürger.

Kurt Eisner (geboren am 15.5.1867 in Berlin als Sohn eines jüdischen Unternehmers, ermordet am 21.2.1919 in München): Journalist und sozialdemokratischer Politiker (SPD, ab 1917 USPD). Nach Beginn des 1. Weltkrieges glaubte er im Kontext der tradierten"sozialdemokra ischen Russophobie" zunächst der offiziellen Kriegserzählung des deutschen Kaiserreichs und befürwortete lange die Zustimmung seiner Partei zu den Kriegskrediten. Er erkannte jedoch bereits Anfang 1915 die Kriegsschuld der Herrschenden in Deutschland und wurde schließlich zum energischen Gegner des militärfreundlichen Establishments in der SPD (das er noch im Februar 1919 wegen der kriegs- und systemstützenden Haltung scharf anklagen wird). 1917 schloss sich Eisner deshalb der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) an, deren Leitgestalt er in Bayern wurde. Gegen den Widerstand der bayerischen SPD konnte Eisner (USPD) die entscheidenden Impulse beim Münchener Munitionsarbeiterstreik (Januar 1918) und zur bayerischen Revolution vom November 1919 geben. Er wurde erster Ministerpräsident des Freistaates Bayern. Seine Ermordung durch Graf Arco-Valley am 21.2.1919 war Gipfelpunkt einer beispiellosen Hetze der militär- und systemtreuen Kreise, die ihre Macht wiedererlangen wollten.

I.


Der Revolutionär Kurt Eisner


Aus persönlichen Erlebnissen ǀ 19292

Felix Fechenbach

1. VOM SOZIALREFORMER ZUM REVOLUTIONÄREN SOZIALISTEN


Ich habe Kurt Eisner erst während seiner Münchener Jahre persönlich kennen gelernt, und die Zeit, die ich mit ihm verbringen durfte, gehört zu meiner erhebendsten und erlebnisreichsten. Ob ich einen seiner fein durchdachten Vorträge in Versammlungen der sozialistischen Jugend, in Veranstaltungen des Bildungsausschusses der Partei und der Gewerkschaften, oder in den Diskussionsabenden hörte, ob ich nach Versammlungen gemeinsam mit anderen Freunden mit ihm im Gespräch zusammen war, es war immer etwas ganz Besonderes, einen Abend mit Kurt Eisner verbringen zu können. Und dann später der offene Kampf gegen den Krieg, der Munitionsarbeiterstreik, die Tage der revolutionären Erhebung im November 1918! Da wurde die Idee wirklich, daß zwischen Gedanken und Tat kein Widerspruch und kein Zeitraum stehen dürfe. Das war es dann auch, was mich ihm politisch und persönlich so nahe brachte: Das Abstreifen der Lebensangst, das Wegwerfen der Sorge um die Existenz, die leidenschaftliche Hingabe an die Idee, die große, reine, opfernde Leidenschaft, von der Kurt Eisner erfüllt war, die er bei anderen gesucht und in ihnen entflammt hat. Nie vorher hatte ich das alles so stark gefühlt, wie in der letzten Versammlung, in der Kurt Eisner während des Munitionsarbeiterstreiks im Januar 1918 sprach, wenig Stunden vor seiner Verhaftung.

Als Kurt Eisner damals für achteinhalb Monate in Untersuchungshaft kam, machte er nicht das erste Mal mit der düsteren Welt hinter Gittern Bekanntschaft. Schon 21 Jahre vorher hatte ihn die preußische Justiz neun Monate ins Plötzenseer Gefängnis geschickt. Der Anlaß war seine 1897 in der Berliner „Kritik“ erschienene Neujahrsbetrachtung „Ein undiplomatischer Neujahrsempfang“. Eisner war seit 1893 politischer Redakteur in Marburg an der Lahn an der von dem späteren sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten PaulBader neugegründeten „Hessischen Landeszeitung“. Dieses sozialreformerisch – demokratische Blatt führte einen erbitterten Kampf gegen den antisemitischen Reichstagsabgeordneten Böckel und warb um die Seele der Kleinbauern, denen es klarzumachen suchte, daß ihr Geschick nicht mit dem damals neugegründeten „Bund der Landwirte“ verknüpft werden dürfe, daß sie vielmehr natürliche Bundesgenossen der Industriearbeiter seien. Der Wirkungskreis in Marburg war Eisner zu eng. Er schrieb deshalb als Politischer Essayist viel für angesehene Berliner Zeitschriften, besonders für die „Kritik“. Das war auch aus wirtschaftlichen Gründen notwendig; sein Redakteurgehalt war sehr niedrig. Ein Teil seiner Aufsätze aus jener Zeit erschien später als Buch zusammengefaßt unter dem Titel„Taggeist“.

Kurt Eisner kam aus dem Bürgertum. Eine Ironie der Weltgeschichte ist es, daß dieser leidenschaftliche Kämpfer gegen Junkertum und Militarismus, dieser glühende Hasser des Ewig-„Preußischen“ im alten Untertanenstaat, geboren wurde – am 14. Mai 1867 – als der Sohn des jüdischen Militäreffekten-Fabrikanten Emmanuel Eisner in Berlin, der Hoflieferant mehrerer Majestäten war. Kurt Eisners Großvater war Gutspächter bei Hussinecz in Böhmen, dem Geburtsort des tschechischen Rebellen und Reformators JohannesHus.

Der Sohn des Militäreffekten-Fabrikanten Unter den Linden hatte als Junge schon ein starkes Gefühl für soziale Ungerechtigkeiten. Im Norden Berlins durchstreifte er die Proletarierviertel, lernte dort die Not derer kennen, die im Schatten leben, und fühlte sich als Sohn vermögender Eltern mitschuldig an dem Elend der Besitzlosen. Der Sohn d