1. KAPITEL
Shelby Kane trat auf die Bremse, und das kleine Auto kam schlitternd zum Stehen. Für einen Moment war das springende Reh so nah an ihrer Windschutzscheibe, dass sie das Gefühl hatte, jedes einzelne Haar des Tiers sehen zu können.
Sie schloss die Augen, hielt den Atem an und machte sich bereit für den Aufprall.
Aber nichts passierte.
Als sie es wagte, die Augen wieder zu öffnen, sah sie, wie das Reh durch das hohe Gras davonhüpfte und schließlich – mit derselben anmutigen Leichtigkeit, mit der es ihrem Auto ausgewichen war – über einen Stacheldrahtzaun sprang. Einen Moment lang hielt es noch inne, drehte sich um und sah sie direkt an. Seine Augen waren sanft und tiefbraun. Ein Ohr zuckte, dann trottete das Tier an einer Herde Rinder vorbei davon.
Noch nie war Shelby einem wilden Tier so nah gewesen, und trotz der außergewöhnlichen Schönheit des Rehs hoffte sie, es nie wieder zu sein. Mit immer noch rasendem Herzen stieg Shelby aus dem Auto, lehnte sich gegen den Kotflügel und atmete tief die nach Sonne und Gras duftende Luft ein.
Ihre Umgebung erfüllte sie mit einer seltsamen Mischung aus Ehrfurcht und Beklommenheit. Glücklicherweise schienen die riesigen Rinder, die nur durch die dünnen Drähte dieses Zauns von ihr getrennt waren, sich überhaupt nicht für sie zu interessieren.
Sie befand sich in Alberta im Westen Kanadas, und nichts hätte sie auf die Unermesslichkeit der Landschaft vorbereiten können, auf die endlose Weite der Prärie und die sanften Hügel. In der Nähe ragten die Rocky Mountains strahlend vor einem endlosen blauen Himmel auf, die Gipfel schroff und schneebedeckt.
Ihr Navigationssystem hatte bereits an der Abzweigung von der Hauptstraße angekündigt, dass sie in sechzehn Kilometern die Mountain Waters Ranch erreichen würde, und sie hatte sich vorgestellt, über eine schmale, kurvenreiche Bergstraße zu fahren.
Viele flache Kilometer auf einer staubigen Schotterstraße später schien sie den Bergen nicht näher zu sein, und eine Ranch war weit und breit nicht in Sicht.
Shelby war durch und durch ein Stadtmädchen, und obwohl ihr Lebensstil es ihr ermöglicht hatte, mehr Wunder auf der Welt zu sehen, als sich die meisten Menschen erträumen konnten, hatte sie so etwas noch nie erlebt.
Endlose Weite.
Und ein fast erschreckendes Gefühl der Einsamkeit.
Wo waren die nächsten Menschen?
Sie blickte sich noch ein letztes Mal um, dann stieg sie wieder ins Auto. Noch sechs Kilometer.
Zum Glück hatte sie sich bei dem Mietwagen für das Navigationssystem entschieden und nicht für ein größeres Fahrzeug. Entscheidungen, die sie in ihrem neuen Leben treffen musste: größeres Auto oder ein Navi.
Das kleine, sparsame Auto passte vielleicht zu ihrem begrenzten Budget, aber es entsprach bestimmt nicht dem ersten Eindruck, den sie erwecken wollte. Sie warf einen Blick auf ihre Kleidung – eine klassische maßgeschneiderte Hose in dunklem Blaugrün, dazu eine passende Jacke und eine farbenfrohe Seidenbluse.
Alles Designerstücke, ebenso die Schuhe mit einem acht Zentimeter hohen Pfennigabsatz. Sie waren nicht gerade für eine Ranch geeignet – und auch nicht zum Autofahren –, steigerten aber ihre Größe auf eins dreiund