1. KAPITEL
»Öffentliches Interesse? Dass ich nicht lache! Sie wollen Ihre Story und sonst gar nichts.« Verärgert knallte Lena Voßberg das Telefon auf die Station zurück. Diese Journalistin konnte lästig sein wie Zahnschmerzen. Mit einer schnellen Bewegung warf die 32-jährige Kriminalhauptkommissarin ihr langes fuchsrotes Haar zurück, strich es mit den Händen glatt und zwirbelte es am Hinterkopf zum Knoten zusammen. Er würde sich auflösen, sobald sie ihn losließe. Doch darauf kam es nicht an. Die unbewusste Geste war eine willkommene, wenn auch nur sekundenkurze Auszeit, etwa so wie das tiefe Ein- und Ausatmen, mit dem Lena sich eingestand: Anneke Lind war unbestreitbar eine Nervensäge. Aber sie machte eben auch nur ihren Job. Und das tat sie gut. Sehr gut sogar.
In diesem Fall war sie allerdings ein bisschen zu ambitioniert. Ja, Ellen Meichsner, die Ehefrau ihres Stellvertreters Freddy, hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten. Das allein war schon schlimm genug. Aber aus der privaten Tragödie noch eine wilde Story fürs Lokalblatt zu stricken, fand Lena unerträglich. Die Lind sollte gefälligst nicht herumschnüffeln, wo es nichts zu schnüffeln gab.
Freddys Ehefrau hatte den Verlust ihrer kleinen Tochter nie verwinden können. Jahr um Jahr hatte die Ungewissheit den Lebenswillen aus ihr herausgepresst, bis nur noch Kraft für diesen letzten Schritt übrig gebl