Kapitel 2 – Ein fast perfekter Morgen in Albabella
Lucio holte tief Luft, als er eine halbe Stunde später aus dem Restaurant seiner Tante Jacinta trat, in dem er wohnte und arbeitete. Dabei blickte er zum lichten Blätterdach auf, das die Straßen beschattete. Ein Geflecht aus Drahtseilen war zwischen den zahlreichen Gebäuden gespannt worden, an denen sich hitzeresistente Grünpflanzen hinaufwanden und über den Wegen einen natürlichen Sonnenschutz bildeten. Nicht mehr lange und sie würden so dicht sein, dass die unerträgliche Hitze kaum noch zu spüren sein würde. Vorbei waren die Zeiten, als sie sich tagsüber nicht länger als eine Stunde draußen hatten aufhalten können, weil die hohen Temperaturen einen schier umbrachten.
Lucio war dankbar, in Albabella zu leben und nicht länger unter der Erde. Die neue Stadt, die ununterbrochen weiter wuchs, wandelte sich seit dem Baubeginn vor zwei Jahren fast täglich.
Riesige Maschinen »druckten« Häuser aus Beton, die an Halbkugeln erinnerten und bis zu hundert Quadratmeter Grundfläche besaßen. Diese weiß gestrichenen Kugelhäuser lagen zur Hälfte unter der Erde, weshalb sie sich im Inneren kaum aufheizten. Zusätzlich waren sie mit einer Klimaanlage ausgerüstet und die runden Fenster waren mit einer speziellen Beschichtung versehen, die die Sonne reflektierte und somit noch weniger Wärme hinein ließ.
Lucio schulterte seinen großen Rucksack, in dem sich eine Trinkflasche sowie eine Taschenlampe befanden, und marschierte los. Er grüßte seine Nachbarn und war versucht, durch die knöcheltiefen, künstlichen Bachläufe zu waten, die sich durch die neue Siedlung schlängelten. Doch da er heute die Stadt verlassen musste, trug er Stiefel – richtige Stiefel! Sie waren nagelneu gewesen, als er sie erhalten hatte.
Die Kinder ließen sich den Spaß nicht nehmen und sprangen vor Unterrichtsbeginn lachend durch das Wasser, das für weitere Abkühlung unter dem Blätterdach sorgte. Und noch jemand tat es ihnen gleich: Miri!
Sie war eine von Lucios Freundinnen und liebte es, barfuß zu laufen. Die Fünfundzwanzigjährige mit dem goldblonden Haar schien immer noch derselbe Wildfang zu sein wie früher, obwohl sie heute ein angesehenes Mitglied des Stadtrates war und keine Fischerin mehr. Ihr hatten die Bewohner ganz viel zu verdanken.
Hach, wie sich alles verändert hatte.
Lucio rief ihr zu: »Ciao, Miri, hab einen schönen Tag!«, woraufhin sie lachend mit dem Fuß Wasser auf ihn spritzte und er grinsend an ihr vorbeilief.
Das erfrischende Nass wurde nicht verschwendet, sondern floss weiter zu den Gemüseäckern, die sich am Rande von Albabella befanden, genau wie riesige Solarfelder, die Strom erzeugten. Unter den großen Photovoltaik-Platten, die ebenfalls Schatten spendeten, fühlten sich ihre Ziegen und Schafe wohl.
Die Erbauer der Stadt hatten wirklich an alles gedacht, und wenn man das Privileg besaß, hier leben zu dürfen, vergaß man beinahe, sich mitten in einer Wüste zu befinden, zumal auch das Meer nicht weit weg war.
Zusammen mit dem Nachbarort hatte die Mehrheit der Bürger vor zweieinhalb Jahren beschlossen, die neue Siedlung zwischen den alten Gemeinden Cavernia und Rovinella zu errichten und fortan gemeinsam darin zu leben. Da die weißen Häuser in der Morgensonne rötlich leuchteten, war die StadtAlbabella – wunderschöner Sonnenaufgang – getauft worden.
Dieses neue Leben, in dem sie nicht täglich darum kämpfen mussten, genug Trinkwasser und Nahrung aufzutreiben, hatten sie den Warrior zu verdanken. Allerdings nicht direkt denen, die sie bis vor wenigen Jahren noch unterjocht hatten.
»Riesen« hatten Lucio und seine Leute die Superkrieger genannt, die wie eine Heuschreckenplage über ihre Insel hergefallen waren und sich alles genommen hatten, wonach es ihnen gelüstete.
Jinx hat es nach mir gelüstet, dachte er, wobei sein Herz plötzlich schneller schlug, und hielt bei seinem Weg durch Albabella Ausschau nach dem braunhaarigen Warrior. Lucio wollte seinem ehemaligen Entführer nicht über den Weg laufen – und irgendwie doch.
Er grüßte weitere Bekannte wie einige Händler, die auf dem großen runden Marktplatz ihre Stände aufbauten, die junge Lehrerin, die sich auf dem Weg zur Schule befand, und auch seine gute Freundin Cinzia, die der Stadtwache angehörte und hier für Ordnung sorgte. Sie gab ihrer Partnerin Sandrine einen Abschiedskuss, denn diese arbeitete im neuen Krankenhaus. Dort stand sogar ein OP-Roboter, der Menschen eigenständig zusammenflicken konnte, und zwei Ärzte hatten sie außerdem! Sie lebten nicht länger wie im Mittelalter, sondern besaßen hier alles, wovon er und seine Leute immer geträumt hatten.
Da Lucio gemeinsam mit seiner Tante Jacinta das einzige Restaurant der Stadt betrieb, kannte er hier fast jeden. Mit dem Restaur