Blitze jagten durch den Nachthimmel und erleuchteten für einen Moment das Blickfeld Christine Völlmis, die nachdenklich aus dem Fenster schaute und trotzdem nicht richtig wahrnahm, was für ein Wetterspektakel sich gerade abspielte. Ihre Gedanken waren weit weg und dabei schüttelte sie unmerklich den Kopf. Was sie da gerade gelesen hatte, stellte alles in den Schatten, was in den vergangenen fünfzehn Jahren auf ihrem Schreibtisch im Paläontologischen Institut der Universität Zürich gelandet war. Professorin Völlmi war spezialisiert auf die Erforschung der Dinosaurier, die vor über 250 Millionen Jahren unseren Planeten bevölkerten. Zusammen mit ihren Studenten hatte sie in der Vergangenheit zahlreiche Fundorte von Dinosaurierskeletten erforscht, und jedes Mal konnte sie weitere Fakten über diese faszinierenden Kreaturen zusammentragen, die lange vor der menschlichen Existenz die Erde bevölkerten. Ihre Bücher waren in Fachkreisen legendär und ein Muss für den Universitätsunterricht. Obschon als 42-jährige mit Abstand die jüngste Forscherin in ihrem Team, waren sich ihre Kollegen einig, dass sie den Posten als stellvertretende Institutsleiterin verdient hatte. Und in der Tat, wenn es um Dinosaurier und ihre Artgenossen ging, konnte ihr niemand das Wasser reichen. Auch auf dem globalen Parkett gehörte sie zu den drei führenden paläontologischen Kapazitäten.
Jetzt sass sie da, es war fast Mitternacht, und sie verstand die Welt nicht mehr. Während eine weitere Salve von Blitzen das Dunkel der Nacht erhellte und das kurz darauf folgende Donnergrollen ohrenbetäubend laut war, kreisten ihre Gedanken aufgeregt um die neue Information, die sie eher zufällig in einem Bericht über eine archäologische Entdeckung in Venezuela gelesen hatte. Die Aufzeichnungen stammten von einem Kollegen aus dem Institut für Archäologie, mit der Bitte, die darin abgebildeten Felsenzeichnungen aus Sicht der Paläontologie zu kommentieren. Eigentlich nichts Weltbewegendes, denn Christine Völlmi erkannte sofort die frühzeitliche Darstellung von theropoden Dinosauriern, also vogelähnlichen Kreaturen von gigantischer Grösse und mit riesigen Flügeln. Fasziniert hatte sie die Fotografien der Felsenzeichnungen betrachtet und mit Hilfe eines Vergrösserungsglases nach weiteren Details gesucht. Als sie die Unterlagen schon weglegen wollte, hatte ein winziges Detail ihre Aufmerksamkeit erregt. Und dieses Detail war der Auslöser für ihren momentanen Zustand – einer Mischung aus Verwirrung und Ungläubigkeit. Nur langsam erholte sie sich von dem Schock, den ihre Entdeckung ausgelöst hatte. Noch immer glaubte sie an eine optische Täuschung und sie betrachtete das Foto mit der Höhlenzeichnung zum wiederholten Mal. Aber ihre Beobachtung war untrüglich, das sie Schockierende war unter dem Vergrösserungsglas noch immer sichtbar. Ein Blick auf die Armbanduhr sagte ihr, dass es kurz vor 23 Uhr war. Einen kurzen Moment überlegte sie, dann griff sie zu ihrem Telefon. Die Nummer des Archäologen war abgespeichert und ohne zu zögern drückte sie die Wähltaste. Nach dreimaligem Klingeln antwortete jemand und sie hörte ein verschlafenes „Hallo?“.
„Franz, habe ich dich etwa geweckt?“ begann Christine Völlmi ihr Gespräch.
„Christine? Bist du das? Ist etwas passiert?“
„Ja, eigentlich schon. Kannst du zu mir ins Institut kommen? Ich muss dir etwas Sensationelles zeigen, “ sprudelte es aus ihr heraus.
„Jetzt? Weisst du überhaupt, wie spät es ist?“
„Das ist doch völlig egal, Franz. Aber glaub mir, so etwas hast du in deinem Leben n