: Rainer Sachse, Meike Sachse
: Persönlichkeitsstörungen verstehen Zum Umgang mit schwierigen Klienten
: Psychiatrie-Verlag
: 9783966053006
: 12
: CHF 22.60
:
: Angewandte Psychologie
: German
: 132
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Beziehungsfallen vermeiden Patient*innen mit Persönlichkeitsstörungen gelten als schwierig, schwer behandelbar und stehen außerdem im Ruf, psychiatrische Teams und Klinikstationen aufzumischen. Rainer Sachse und Meike Sachse zeigen, wie man für Menschen mit dieser Problematik Verständnis und Zugang entwickeln kann. Für sie stellen sich Persönlichkeitsstörungen im Kern als Beziehungsstörungen dar. Anhand des von Rainer Sachse entwickelten Modells der doppelten Handlungsregulation wird deutlich, wie ungünstige Beziehungsmuster entstehen und welche Probleme sich daraus für die Patient*innen und ihr soziales Umfeld ergeben. Zahlreiche Beispiele illustrieren häufig auftretende Beziehungsfallen, in die Behandelnde »tappen« können. Kapitel zu den speziellen Problemen bei der Arbeit im Team und mit Angehörigen runden das Buch ab und machen es zu einem Muss für jeden im psychosozialen Bereich Tätigen. Die neue Auflage wurde nicht nur durchgesehen, sondern bietet auch den Zugang zu zwei Videos, in denen Rainer Sache die therapeutischen Optionen analysiert, die das Verhalten einer Klientin - gespielt von Meike Sachse - bietet. So kann man dabei zuschauen, wie Widerstände Zugänge zu schwierigen Klienten werden.

Prof. Dr. Rainer Sachse ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Direktor des Instituts für Psychologische Psychotherapie (IPP) in Bochum. Er hat zahlreiche Bücher vor allem zur Psychotherapie und Persönlichkeitsstörungen sowie zur therapeutischen Beziehungsgestaltung veröffentlicht (u.a. bei Hogrefe). Bekannt sind auch seine paradoxen Ratgeber: »Wie ruiniere ich meine Beziehung - aber endgültig«; »Selbstverliebt, aber richtig«; »Schwarz ärgern, aber richtig« (Klett-Cotta und dtv).

Persönlichkeitsstörungen sind Beziehungsstörungen


Es wird Sie vielleicht überraschen, aber Forschungen in den letzten zwanzig Jahren kommen zu dem Schluss, dass die Störungen, die allgemein als Persönlichkeitsstörungen bezeichnet – und aufgrund bestimmter Kriterien auch so diagnostiziert werden –, eines nicht sind: Persönlichkeits-Störungen, also »tiefgreifende Störungen der Gesamtpersönlichkeit«. Persönlichkeitsstörungen (abgekürzt PD nach »personality disorders«) sind zwar psychologisch gesehen hochkomplexe Störungen, aber ihr »zentraler Kern« sind »Beziehungsstörungen« (vgl. Sachse 1997 b, 1999, 2000, 2001 a, 2004 c, 2013, 2016 c, 2019 a, 2019 b, 2019 d).

Ursprünglich hatte man angenommen, dass diese Störungen tiefgreifende Störungen der Gesamtpersönlichkeit seien. Man ging davon aus, dass die Störungen tiefgreifend sind, weil sie in frühen Entwicklungsstadien entstehen und mehr oder weniger alle Bereiche der Persönlichkeit betreffen. Inzwischen zeigen Analysen jedoch, dass Persönlichkeitsstörungen im Kern Störungen der Interaktion, der Beziehung oder der Beziehungsgestaltung, also Beziehungsstörungen sind (vgl. Fiedler 2007; Sachse 1997 a, 1999, 2001 b, 2004 c, 2022; Sachse& Kramer 2023; Sachse, Sachse& Fasbender 2010). Die Personen, die sogenannte Persönlichkeitsstörungen aufweisen, zeigen ungünstige Überzeugungen (Schemata) im Hinblick auf Beziehungen. Ihre Überzeugungen äußern sich in Gedanken wie: »Ich bin nicht wichtig«, »In Beziehungen wird man nicht respektiert«, oder: »Wenn man wahrgenommen werden will, muss man heftig auf sich aufmerksam machen« (zur Vertiefung s. Sachse 2002, 2004 c, 2006 b, 2008, 2013, 2016 a, 2019 a).

Aufgrund dieser Überzeugungen entwickeln die Personen dysfunktionale, also ungünstige und »kostenintensive« Strategien der Beziehungsgestaltung. Sie machen z. B. durch hoch demonstratives Verhalten auf sich aufmerksam, sie entwickeln Ängste oder körperliche Beschwerden, damit ihre Interaktionspartner sich ihnen zuwenden. Sie entwickeln Verhaltensweisen, die andere Menschen dazu veranlassen, sich in bestimmter Weise ihnen gegenüber zu verhalten.

Ihr Verhalten ist jedoch meist nicht offen, denn die Person glaubt aufgrund ihrer Erfahrungen, dass offenes, durchschaubares, authentisches Verhalten nicht zum Erfolg führt. Das Verhalten ist daher meist verdeckt und manipulativ. Es soll andere mehr oder weniger »zwingen«, so zu reagieren, wie die Person es möchte. Diese Unoffenheit ist meist der entscheidende Grund dafür, warum das Verhalten langfristig nicht gut funktioniert und mehr Kosten im Sinne von unerwünschten Reaktionen erzeugt als Gewinne (Sachse 2007 b, 2013, 2014 a, 2016 c, 2019 a, 2019 b).

Um solche Aspekte geht es zentral bei einer Persönlichkeitsstörung: Eine Person hat eine ungünstige Annahme von sich selbst, z. B.: »Ich bin nicht wichtig«. Daraus zieht sie eine Konsequenz, z. B.: »Um Aufmerksamkeit zu erlangen, muss ich andere aktiv dazu veranlassen, mich wahrzunehmen«. Und letztlich entwickelt diese Person dann unoffene, manipulative Strategien, um dieses Ziel zu erreichen. Dieser Prozess ist der Kern einer Persönlichkeitsstörung.

Natürlich hat dieses Vorgehen oft weitreichende Konsequenzen: Nimmt man an, dass man andere veranlassen muss, einem Aufmerksamkeit zu geben, dann richtet man sein Verhalten auch primär darauf aus. Es wird sehr wichtig, im Mittelpunkt zu stehen, und man tut sehr viel dafür. Wenn man glaubt, dass andere einen nicht ernst nehmen, dann rechnet man auch ständig damit und lauert geradezu auf solche Situationen. Die Wahrnehmung richtet sich dann besonders darauf, solche Situationen