Persönlichkeitsstörungen sind Beziehungsstörungen
Es wird Sie vielleicht überraschen, aber Forschungen in den letzten zwanzig Jahren kommen zu dem Schluss, dass die Störungen, die allgemein als Persönlichkeitsstörungen bezeichnet – und aufgrund bestimmter Kriterien auch so diagnostiziert werden –, eines nicht sind: Persönlichkeits-Störungen, also »tiefgreifende Störungen der Gesamtpersönlichkeit«. Persönlichkeitsstörungen (abgekürzt PD nach »personality disorders«) sind zwar psychologisch gesehen hochkomplexe Störungen, aber ihr »zentraler Kern« sind »Beziehungsstörungen« (vgl. Sachse 1997 b, 1999, 2000, 2001 a, 2004 c, 2013, 2016 c, 2019 a, 2019 b, 2019 d).
Ursprünglich hatte man angenommen, dass diese Störungen tiefgreifende Störungen der Gesamtpersönlichkeit seien. Man ging davon aus, dass die Störungen tiefgreifend sind, weil sie in frühen Entwicklungsstadien entstehen und mehr oder weniger alle Bereiche der Persönlichkeit betreffen. Inzwischen zeigen Analysen jedoch, dass Persönlichkeitsstörungen im Kern Störungen der Interaktion, der Beziehung oder der Beziehungsgestaltung, also Beziehungsstörungen sind (vgl. Fiedler 2007; Sachse 1997 a, 1999, 2001 b, 2004 c, 2022; Sachse& Kramer 2023; Sachse, Sachse& Fasbender 2010). Die Personen, die sogenannte Persönlichkeitsstörungen aufweisen, zeigen ungünstige Überzeugungen (Schemata) im Hinblick auf Beziehungen. Ihre Überzeugungen äußern sich in Gedanken wie: »Ich bin nicht wichtig«, »In Beziehungen wird man nicht respektiert«, oder: »Wenn man wahrgenommen werden will, muss man heftig auf sich aufmerksam machen« (zur Vertiefung s. Sachse 2002, 2004 c, 2006 b, 2008, 2013, 2016 a, 2019 a).
Aufgrund dieser Überzeugungen entwickeln die Personen dysfunktionale, also ungünstige und »kostenintensive« Strategien der Beziehungsgestaltung. Sie machen z. B. durch hoch demonstratives Verhalten auf sich aufmerksam, sie entwickeln Ängste oder körperliche Beschwerden, damit ihre Interaktionspartner sich ihnen zuwenden. Sie entwickeln Verhaltensweisen, die andere Menschen dazu veranlassen, sich in bestimmter Weise ihnen gegenüber zu verhalten.
Ihr Verhalten ist jedoch meist nicht offen, denn die Person glaubt aufgrund ihrer Erfahrungen, dass offenes, durchschaubares, authentisches Verhalten nicht zum Erfolg führt. Das Verhalten ist daher meist verdeckt und manipulativ. Es soll andere mehr oder weniger »zwingen«, so zu reagieren, wie die Person es möchte. Diese Unoffenheit ist meist der entscheidende Grund dafür, warum das Verhalten langfristig nicht gut funktioniert und mehr Kosten im Sinne von unerwünschten Reaktionen erzeugt als Gewinne (Sachse 2007 b, 2013, 2014 a, 2016 c, 2019 a, 2019 b).
Um solche Aspekte geht es zentral bei einer Persönlichkeitsstörung: Eine Person hat eine ungünstige Annahme von sich selbst, z. B.: »Ich bin nicht wichtig«. Daraus zieht sie eine Konsequenz, z. B.: »Um Aufmerksamkeit zu erlangen, muss ich andere aktiv dazu veranlassen, mich wahrzunehmen«. Und letztlich entwickelt diese Person dann unoffene, manipulative Strategien, um dieses Ziel zu erreichen. Dieser Prozess ist der Kern einer Persönlichkeitsstörung.
Natürlich hat dieses Vorgehen oft weitreichende Konsequenzen: Nimmt man an, dass man andere veranlassen muss, einem Aufmerksamkeit zu geben, dann richtet man sein Verhalten auch primär darauf aus. Es wird sehr wichtig, im Mittelpunkt zu stehen, und man tut sehr viel dafür. Wenn man glaubt, dass andere einen nicht ernst nehmen, dann rechnet man auch ständig damit und lauert geradezu auf solche Situationen. Die Wahrnehmung richtet sich dann besonders darauf, solche Situationen