Erst Adelheids Klapperkiste, dann der Zug, noch ein Zug und schließlich dieses Taxi, dessen Fahrer eine Schwäche für Country- und Westernmusik besaß und sie nach Herzenslust auslebte. Constanze verfluchte sich selbst und konnte sich nicht mehr erklären, warum sie sich überhaupt auf diese Reise eingelassen hatte? Es wäre so einfach gewesen, Adelheid aufs Entschiedenste zu widersprechen und den Brief von dieser Frau Herbst in kleine Schnipsel zu zerreißen. Aber sie hatte sich von ihrer Freundin einlullen lassen und von dem Gedanken an einen kleinen Urlaub, einer Abwechslung, wie sie ihr schon lange nicht mehr vergönnt gewesen war. Nie, wenn man es genau nahm. Andere pensionierte Lehrerinnen mochten finanziell gut zurechtkommen, doch nicht Constanze, und es war ihr unmöglich zu sagen, woran es lag. Irgendwie war in ihrer Kasse ständig Ebbe. Dabei brauchte eine Frau ihres Alters doch nicht viel zum Leben.
»Das macht dann fünfzehn Euro, bitte.« Der Fahrer hielt den Wagen an und seine Hand auf. Wenn Sie es genau bedachte, wusste sie vielleicht doch, warum ihr das Geld immer zwischen den Fingern zerrann.
»Stimmt so.« Sie drückte ihm einen Zwanzig-Euro-Schein in die Hand und schalt sich selbst eine Närrin. Lernte sie denn niemals dazu?
Der Vorteil an einem großzügigen Trinkgeld und vermutlich auch ihrem fortgeschrittenen Alter lag darin, dass der Mann ihr das Gepäck ins Haus trug und es in der winzigen Rezeption, direkt vor einem Tresen aus Birkenholz, abstellte.
Constanze ließ den Blick über Kunstblumen, cremegelbe Wände und hellgrüne Auslegeware schweifen. Hübsch. Nicht sonderlich überragend und ganz gewiss nicht einen einzigen Stern wert, aber hübsch. Auf der Metallglocke neben dem Gästebuch lag kein Staubkorn und in der Luft lag ein Duft Jasmin, deren Ursprung Constanze in dem tiefroten Potpourri vermutete, der in einer schlichten Glasschale auf der einzigen Fensterbank stand.
»Ah, Frau Schick. Und wie passend der Name ist, jetzt da Sie vor mir stehen. Hatten Sie eine gute Fahrt?« Eine in schlichtes Schwarz gekleidete Frau mit dunklem, im Nacken zu einem Zopf gebundenen Haar und freundlichem Gesicht war aus einer von zwei sich gegenüberliegenden Türen in einem kleinen Flur getreten und hielt ihr die ausgestreckte Hand entgegen.
Constanze lächelte müde. Sie hatte schon bessere Sprüche zu ihrem Nachnamen gehört, aber auch wesentlich schlechtere. »Eigentlich nicht«, gab sie zu. »Der erste Zug hatte Verspätung, den zweiten verpasste ich um Haaresbreite und die Klimaanlage existiert auch in Erster-Klasse-Wagen nur dem Gerücht nach. Aber ich habe es bis zu Ihnen geschafft, und darauf bin ich stolz.«
»Sie werden müde und hungrig sein.« Die Frau sah sie mitfühlend an. »Wie wäre es, wenn ich Ihnen gleich Ihr Zimmer zeige und Ihnen eine Tasse Tee und Kekse hinaufbringe?«
»Das klingt traumhaft.« Erleichterung durchflutete Constanze. Der Gedanke, in wenigen Minute aus ihren engen Schuhen schlüpfen zu dürfen, ließ sie die Schmerzen an den Zehen schon fast vergessen. Pumps hatte sie noch nie gemocht. Aber sie hätte die Reise unmöglich in ihren himmelblauen Crocks antreten können, mit denen sie üblicherweise im Haus, dem Stall und dem Garten unterwegs war. Also hatte sie sich einmal mehr in die Garderobe einer altjüngferlichen Lehrerin gezwängt und zufrieden festgestellt, dass der Bund ihres besten Rockes nicht kniff. Ihre Figur hatte sich demnach in den letzten Jahren nicht wesentlich verändert, aber mit ihren Füßen musste etwas geschehen sein. Sie rebellierten schon seit Antritt der Reise.
»Sie sind Frau Herbst, wie ich annehme?« fragte Constanze
»Sagte ich das nicht? Wie nachlässig von mir. Ja, ich bin Frau Herbst. Die Pension September gehört mir. Klein aber fein, und bis vor ein paar Jahren ständig ausgebucht.«
»Jetzt nicht mehr?«, fragte Constanze und nahm ihre Handtasche vom Gepäckstapel. Für die größeren Koffer hatte Frau Herbst hoffentlich eine Hilfe im Haus, denn der Taxifahrer war inzwischen wortlos gegangen.
»Die Konkurrenz macht mir zu schaffen. Ich müsste modernisieren, aber das ist nicht so leicht, wie es sich anhört.« Frau Herbst schnappte sich entschlossen die Griffe der beiden Koffer und trug sie selbst vor Constanze her, wobei sie mit dem Fuß die rechte der beiden Türen aufstieß. Dahinter lag ein in hellem Grau gefliestes Treppenhaus. Die Stufen der Treppe, die sich nach oben wand, waren aus poliertem Eichenholz und bildeten einen netten Kontrast zu dem kühlen Steinboden.
»Meinetwegen bräuchten sie nichts zu ändern. Mir gefällt bisher sehr gut, was ich sehe«, sagte Constanze und folgte ihr.
»Oh, vielen Dank. Empfehlen Sie uns unbedingt weiter. Mundpropaganda ist noch immer die beste Werbung, und Werbung ist ja so wichtig. Zeitungswerbung wird übrigens billiger, wenn man ab und zu einen Preis wie den stiftet, den Sie gewonnen haben, wussten Sie das?« Frau Herbst sah sie über die Schulter an und strahlte.
»Nein, aber ich lerne gern dazu.« Constanze musste zugeben, dass sie die herrlich erfrischende Offenheit ihrer Gastgeberin mochte. Margarete Herbst hatte sich anscheinend das unbeschwerte Gemüt eines sehr jungen Menschen erhalten, auch wenn ihr Gesicht unter dem dunklen Haaransatz bereits deutliche Anzeichen des Alterungsprozesses zeigten. Constanze schätzte sie auf Anfang fünfzig.
In dem Flur, im ersten Stock, lagen sich vier Zimmertüren gegenüber. Da Constanze in der Etage über sich Schritte hörte, ging sie davon aus, dass dort weitere Gästezimmer zu finden waren. Ihres war die Nummer 2, das Frau Herbst nun für sie aufschloss, bevor sie den Schlüssel an Constanze weitergab. »Tee und Kekse kommen sofort. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.«
»Vielen Dank.« Constanze ließ die Handtasche in den einzigen Sessel fallen und schleuderte die Pumps von den Füßen, noch ehe sich die Zimmertür wieder ganz geschlossen hatte. Dann trat sie an das von weißen Gardinen eingerahmte Fenster.
»Der versprochene Panoramablick ist offensichtlich kein Meerblick«, stellte sie fest und versuchte, dem Anblick der properen Häuschen, wie sie da in ihren eher kleinen Gärten standen, etwas abzugewinnen. Der Strand lag auf der anderen Seite und wäre von einem der Zimmer gegenüber bestimmt gut zu sehen gewesen. Nun, das machte nichts, sie war nicht wegen der Aussicht gekommen. Und da ihr Verhältnis zu Wasser ohnehin nicht das beste war, zumindest, wenn es in großen Mengen, wie etwa einem Meer auftrat, legte sie auch keinen Wert darauf, es ständig vor Augen zu haben. Vielleicht würde sie es später wagen, barfuß an der Wasserkante entlangzuspazieren, aber mehr war nicht drin. Sofern kein Tsunami heranrollte, konnte dabei bestimmt nicht einmal Nichtschwimmern wie ihr etwas zustoßen.
Eine Weile beobachtete sie das Treiben am Strand und auf der Promenade, bis sich ihr Interesse auf die Einrichtung des Zimmers richtete. Das breite Bett hatte einen geblümten Überwurf, ein Fernseher, für den sie sich nicht interessierte, stand gleich gegenüber auf einer Anrichte und es gab zwei winzige Nachttische, auf denen kaum mehr als ihre Lesebrille und eine Packung Taschentücher Platz finden würden. Nichts in dem Raum wirkte modern oder elegant. Aber alles machte einen gepflegten Eindruck auf Constanze.
Gerade begann sie sich zu fragen, wo wohl der Tee blieb, da öffnete sich völlig unerwartet die Tür zum Badezimmer. Auf der Schwelle stand eine junge Frau mit klatschnassen Haaren, die sich ein blaues Badehandtuch um den schlanken Körper gewickelt hatte. Sie legte beschwörend den Finger auf die Lippen.
Constance war so verdattert, dass sie gehorchte und schwieg. Mit einer Mischung aus Faszination und Ungläubigkeit betrachtete sie die Fremde, in deren Ohrläppchen gleich mehrere teuer aussehende Edelsteine funkelten.
»Ist sie weg?«
»Ja, aber sie kommt gleich wieder«, gab Constanze bereitwillig Auskunft, da sie davon ausging, dass von Margarete Herbst die Rede war. »Sie holt mir eine Tasse Tee.«
»Oh bitte, verraten Sie mich nicht.« Die junge Frau hatte einen flehenden Blick aufgesetzt, den Constanze noch allzu gut von faulen Schülerinnen kannte, die kurz vor der Zeugnisausgabe noch eine bessere Note herausschlagen wollten. »Dieses Zimmer ist das einzige im Haus mit einer Badewanne. Alle anderen haben nur Duschen....