VORWORT
zur Ausgabe von 2016
Darryl Wilson war ständig unterwegs, zog von einer Stadt in die andere, manchmal, weil sich ihm eine Gelegenheit bot, manchmal, weil er in Not war, manchmal, weil er Zuflucht vor einer weiteren persönlichen Katastrophe suchte, wie sie ihn sein ganzes Leben lang so unerbittlich verfolgten. Als ich ihn in den späten 1980er Jahren kennenlernte, lebte er in Davis. Seine Frau, Danell Garcia, war – tragischer- und ironischerweise wie seine Mutter – bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und er hatte sich erst kurz zuvor aus den Tiefen der Verzweiflung befreit. Er hatte sich an der UC Davis eingeschrieben und arbeitete an seinem Bachelor-Abschluss, während er zwei kleine Söhne, die Zwillinge Seterro und Theo (im Indianerland als Hoss und Boss bekannt), großzog.
Dann folgten die Jahre in Tucson, wo er an der University of Arizona promovierte; in San Jose, wo er sich als Dozent an verschiedenen Colleges ein Auskommen verschaffte, als Geschichtenerzähler durch den Staat reiste und eine lyrische, zornige und visionäre Literatur verfasste, die ihm überall Freunde und Bewunderer einbrachte; und in Gardnerville, Nevada, wo er jungen Mitgliedern des Washo-Stammes Kultur und Sprache vermittelte. Im Jahr 2000 erlitt er in Nevada einen fast tödlichen Schlaganfall, den er schwerbehindert überlebte. Er zog wieder nach San Jose und dann nach Santa Cruz, Kalifornien, wo er mit seinen inzwischen erwachsenen Zwillingssöhnen in einer örtlichen indianischen Gemeinschaft lebte, die seinen Geschichten zuhörte, seine Weisheit zu schätzen wusste und sich um ihn kümmerte, bis er im Mai 2014 verstarb.
Doch bei all seinen Wanderungen verließ Darryl – in seiner Vorstellung, seinen Schriften, seinen Geschichten und im tiefsten Inneren seiner Seele – nie auch nur für einen TagHamma’wi, das Land am Pit River, das Land, in dem er geboren wurde. Reich an tiefgehenden persönlichen Erinnerungen und emotionalen Bindungen warHamma’wi sein heiliges Land: Es war sein Jerusalem, sein Bethlehem, sein Mekka. »Am Morgen, als die Sonne unterging« ist daher mehr als nur die Erinnerung an ein individuelles Leben: Es ist der Atlas einer spirituellen Landschaft. Jedes Kapitel, ob es nun ein persönliches Erlebnis, eine historische Begebenheit oder eine Geschichte aus der Traumzeit schildert, ist in sich abgeschlossen und immer an einem bestimmten Ort angesiedelt:It’Ajuma (Pit River),Bo’ma-Rhee (Fall River Valley),Haya’wa Atwam (Porcupine Valley), Goose Valley und so weiter.
Unser heutiges Lebensgefühl wird so sehr von Einzelpersonen geprägt, dass wir Orte oft nach Personen benennen, und Pit River ist da keine Ausnahme. Auf einer modernen Karte des Gebiets finden sich Namen wie Clayton Canyon, Burney Falls, Pittville, McGee Peak und viele andere. (Ich kann nicht umhin, mich zu fragen: Hat jemals jemand den Gipfel gefragt, ob er McGee genannt werden möchte?) In der Welt, in die Darryl hineingeboren wurde, bezeichnete und bestimmte dagegen der Ort die Person. »Mein einheimischer Name,Sul’ma’ejote«, erklärte Darryl einmal, »ist Ausdruck unserer Kultur und bezieht sich auf die Landschaft, in der ich geboren wurde, am Nordufer desSul’ma’ejote (Fall River bei Fall River Mills).« In einem Interview mit derIndian Times, einer Publikation der UC Riverside, erklärte er 2007 seinen Namen und seine Identität auf diese Weise:
Meine Verbindung zu meiner Mutter und zur Erde liegt im Fall River Valley, und dort am Fall River. Deshalb muss mein Geburtsname diese Verbindung bezeugen. Ich binSul’ma’ejote<