Gustav Landauer wuchs behütet auf. In seiner Kindheit war er viel bei der ländlichen Verwandtschaft in Württemberg und begeistert von Literatur und Theater. Während des Studiums begann er sich zu politisieren und in der Dekade vor 1900 entwickelte er sich zu einem Anarchisten.
Zwischen Großstadt und Landjudentum
Landauers Kindheit und Jugend ist schon vielfach beschrieben worden.1 Angesichts der eher dürftigen Quellenlage ist es mittlerweile schwer, neue Erkenntnisse aus den Archiven zu bergen. Eine genaue Analyse und vor allem Kontextualisierung hingegen hilft den geistigen und sozialen Hintergrund zu verstehen, vor dem Landauer aufwuchs und seine grundlegenden Überzeugungen und Weltzugänge entwickelte.
Hermann Landauer kam aus Buttenhausen und Rosa Neuburger aus Buchau am Federsee, beide entstammten also den ländlichen jüdischen Gemeinden Württembergs. Als Hermann und Rosa Landauer zogen sie nach Karlsruhe, wo am 7. April 1870 ihr drittes Kind geboren wurde: Gustav Landauer. Gustav hatte zwei ältere Brüder, Friedrich Salomon, geboren 1866, und Felix, geboren 1867. Alle drei besuchten das Gymnasium, wobei der älteste, Friedrich, anschließend Jura studierte und bis zum Landgerichtsrat aufstieg, Felix übernahm das väterliche Geschäft und Gustav entwickelte sich zum Freigeist, Autoren und Aktivisten.2
Hermann Landauer war im Handel aktiv und machte sich 1872 mit einem Schuhgeschäft selbstständig, wozu er ein eigenes Haus errichten ließ. Das Geschäft lief gut und ermöglichte Gustav Landauer nicht nur den Besuch des Gymnasiums und ein Studium, sondern ließ ihn in materiell gesicherten Verhältnissen aufwachsen. Die Familie Landauer wird in der Forschung als bürgerlich beschrieben, was angesichts der materiellen Verhältnisse plausibel erscheint.3 Rechtlich waren Juden in Württemberg schon 1864 anderen Bürgern gleichgestellt worden, reichsweit wurde die formale Gleichstellung erst mit der Reichseinigung und -gründung 1871 vollzogen. Damit gelangte die rechtliche Emanzipation der Juden an ihr Ziel.4 In der Forschung wird mithin auf die höhere soziale und räumliche Mobilität von Jüdinnen:Juden im Vergleich zur übrigen Bevölkerung des Kaiserreiches hingewiesen, wobei Monika Richarz die Tendenz des jüdischen Bürgertums treffend zusammenfasste: „Die meisten jüdischen Familien zogen während des Kaiserreiches vom Land und aus den Kleinstädten in die Großstädte, wo sie ihre Kinderzahl einschränkten, die Ausbildung ihrer Kinder verbesserten und mit dem wirtschaftlichen Aufstieg in immer größerer Zahl den Lebensstil des Bürgertums annahmen.“5
Über Juden alsParadigma der Verbürgerlichung (Shulamit Volkov), ebenso wie über die Annahme einer großflächigen Verbürgerlichung von Juden im Kaiserreich überhaupt, ist in der Forschung gestritten worden. Berücksichtigt man die Situation von Gustav Landauers Eltern, die in Karlsruhe ein Wohn- und Geschäftshaus bauten und ein erfolgreiches Schuhgeschäft führten, kann die Familie als bürgerlich beze