Kapitel 1 – Emilys Schwarm
LONDON, ENGLAND
Sommer 1814
Emily freute sich jedes Mal wie verrückt, wenn der Nachbarsjunge Daniel von der Universität nach Hause kam. Von ihrem Kinderzimmer im Dachgeschoss ihres Elternhauses besaß sie einen guten Blick in den angrenzenden Garten, denn die schmalen Reihenhäuser standen dicht beieinander. Daniel, der bald sechzehn wurde, saß auf einer Bank und hielt sein Gesicht in die Sommersonne, während er leise eine Melodie pfiff. Das machte er immer, wenn er aus Oxford zurückkehrte. Leider passierte das nur an wenigen Tagen im Jahr.
Ihr Herz wummerte stets wie wild, wenn sie ihn sah, und Emily war stolz darauf, seine Freundin sein zu dürfen, obwohl sie sieben Jahre jünger war als er. Daniel würde einmal den Titel seines Vaters erben und ein echter Earl werden: Daniel Appleton, Lord of Hastings! Das hörte sich exquisit an.
Manchmal konnte es Emily immer noch nicht glauben: Ein Earl in ihrer Straße!
Weil die riesige Villa der Familie Appleton, die im noblen Stadtteil Mayfair lag, einer aufwändigen Renovierung unterzogen wurde, wohnte sie in den Jahren des Umbaus in diesem Stadthaus, das sie sonst vermietete.
Hier lebten zwar einige Mitglieder des niederen Adels: Baronets, wie ihr Vater, und Knights oder reiche Bürgerliche, aber keine weiteren Earls.
Zum Glück hatte Emily heute Morgen ihr schönstes weißes Kleid angezogen, sodass sie nur noch ihre Haube aufsetzen musste, mit der sie versuchte, ihre roten Locken zu bändigen. Zwischendurch spähte sie immer wieder aus dem Fenster. Am liebsten wollte sie Daniel winken, damit er auf sie wartete, aber seine Mutter redete gerade mit ihm. Hoffentlich musste er nicht schon wieder gehen! Bestimmt hatte er in der kurzen Zeit, die er zu Hause verbringen durfte, viele Verpflichtungen.
Emily war jedoch sehr froh, dass seine Mutter die Einkaufsmöglichkeiten in London liebte – wie er ihr einmal verraten hatte – und sein Vater gerne in den Parks ausritt oder diverse Herrenclubs besuchte. Deshalb lebten Daniels Eltern überwiegend in der Stadt und nicht auf ihrem Landsitz.
Zu Emilys unendlicher Erleichterung blieb Daniel sitzen, und seine Mutter verschwand im Haus. Er wirkte schon richtig erwachsen. Emily hatte sich lange den Kopf zerbrochen, woran das liegen könnte. Wahrscheinlich an seinen markanten Wangenknochen, dem dichten, dunklen Haar, dem ersten Bartwuchs und der noblen Kleidung. Wie sein Vater trug auch Daniel eine figurbetonte beige Hose und Stiefel, die ihm bis zu den Knien reichten, außerdem einen dunkelblauen Gehrock, darunter eine goldfarbene Weste mit einem hoch stehenden Kragen. Dazu ein Krawattentuch. Ihm musste furchtbar heiß sein! Aber er war eben kein Kind mehr und musste sich nun den Gepflogenheiten der Gesellschaft beugen.
Obwohl Emily viel jünger war als er, behandelte er sie kein bisschen wie ein kleines Mädchen, sondern nannte sie sogar »Lady Collins«, so wie ihre Mutter von allen gerufen wurde. Dabei war Emily überhaupt keine echte Lady. Doch das schien Daniel nicht zu stören. Als Tochter eines Baronets würde sie leider niemals einen Titel erben, und sie stammte auch nicht vom Hochadel ab, so wie einer von Vaters Bekannten, Lord Rowland. Dennoch war ihr Vater, Sir Richard Collins, sehr vermögend und investierte sein Geld in den ausländischen Möbelhandel, sodass sie sich dieses kleine Stadthaus, ein Dienstmädchen, eine Köchin und sogar eine Gouvernante leisten konnten – die heute zum Glück ihren freien Tag hatte. Nur anziehen musste sich Emily selbst.
Sie fluchte undamenhaft, weil sie die Bänder ihrer neuen weißen Haube nicht schnell genug zu einer hübschen Schleife binden konnte, verzichtete auf ihre Handschuhe, schlüpfte in ihre alten Slipper, die ihr eine kleine Kletterpartie nicht übelnehmen würden, und rannte danach die Stufen hinunter ins Erdgeschoss. Leise schlich sie am Salon vorbei, der sich auch zum Garten hin öffnete, und lauschte an der Tür. Sie hörte aufgeregtes Geschnatter und ein hohes, spitzes Lachen. Mist, ihre Mutter hatte Besuch von ihrer Freundin Beatrix – Lady Nelson. Nur die kicherte wie eine Hexe. Und sie sah auch aus wie eine.
Gut, Lady Nelson war über fünfzig, Mutter zehn Jahre jünger und immer noch wunderschön. Emily hatte das rote Haar von ihr geerbt. Ansonsten fand Emily die alte Lady aber ganz nett, denn sie brachte ihr ab und zu echte französische Bonbons mit.
Da Emily nun nicht durch den Salon in den hinteren Garten gelangen konnte, schlich sie weiter in die kleine Küche. Dort war es heiß und stickig, denn ihre Köchin Miss Mutton backte gerade Käsekuchen und bereitete auch schon das Abendessen zu.
Emily legte den Finger an ihre Lippen, als Miss Mutton sie mahnend anstarrte – denn normalerweise betrat Emily ihr Refugium nur, um Kekse zu stibitzen – und schlüpfte durch die Hintertür in den kleinen Garten. Sofort strömten ihr angenehme Wärme und der Duft von bunten Sommerblumen entgegen. Sie duckte sich, um sich im Schutz der hohen Pflanzen zur Mauer des Nachbargrundstücks zu schleichen, stieg auf eine Bank, kletterte von der Lehne auf den Apfelbaum und hangelte sich von dort aus auf die Mauer, die beide Grundstücke abtrennte. Mutter würde ihr wohl eine Woche Hausarrest geben, weil sie sich wieder wie »ein Äffchen« benahm, wie sie es nannte. Doch Daniel schien es jedes Mal zu amüsieren, wenn sie nicht durch die hinteren Gartentürchen, sondern auf diesem Weg zu ihm gelangte.
Frech grinste er sie an. »Em! Ich habe mich schon gefragt, wann du kommst.« Er stand auf, um eine galante Verbeugung zu machen. »Entschuldigen Sie, ich meinte natürlich: Lady Collins. Würd