: Carola Becker
: Die Kette Von der Sehnsucht nach Daheim
: Books on Demand
: 9783769364903
: 1
: CHF 8.00
:
: Gesellschaft
: German
: 292
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das Buch erzählt von gewaltsamen Verlusten und ihren historischen Hintergründen, von der Sehnsucht nach Daheim, von glücklichen Zufällen und der Kraft eines Miteinanders, das Fremdheit überwindet. Im Mittelpunkt steht die Familie der Autorin Carola Becker, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Waldenburg in Niederschlesien in das Siegerland vertrieben wurde. Hier beginnt die Geschichte. Sie steht exemplarisch für die Schicksale von etwa zwölf Millionen Menschen aus den früheren deutschen Ostgebieten. Jeder Einzelne musste sich aus dem Nichts heraus ein neues Leben aufbauen. Seit den 1960er Jahren galt offiziell ihre Eingliederung in die westdeutsche Gesellschaft als erfolgreich beendet. Tatsächlich verschwanden die dunklen Schatten der gewaltsamen Entwurzelung im Privaten. Für eine versprengte frühere Gemeinschaft wurde der Schützenverein Waldenburg-Altwasser zu einem emotionalen Ankerpunkt. Aber der Verein war mehr als ein rückwärtsgewandter Ort der Erinnerungen; er war eine Brücke in die Zukunft. Denn es entstand ein Vereinsleben mit einer ganz eigenen Atmosphäre des Miteinanders über kulturelle Grenzen hinweg. In einer Mischung aus biografischer Erzählung und faktenreicher Dokumentation betrachtet Carola Becker die Thematik vielschichtig und aus einer Langzeitperspektive. Der lange Prozess des Heimischwerdens nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein lehrreiches Kapitel der deutschen Geschichte. Wann sind die Entwurzelten wirklich angekommen? Welche Spuren hat das Erlebte in den Familien hinterlassen? Wodurch fördern oder behindern Politik, Gesellschaft und Interessenverbände den oft schwierigen Prozess einer gelungenen Integration? Diese Fragen haben eine hohe Aktualität, denn die gegenwärtigen Kriege vertreiben erneut Millionen Menschen aus ihrer Heimat. Das Buch gibt Antworten am Beispiel der Geschichte einer Familie und eines ungewöhnlichen Vereins.

Carola Becker, Jahrgang 1956, ist im Siegerland (NRW) aufgewachsen. Die Familie ihrer Mutter wurde 1946 aus Waldenburg in Niederschlesien nach Siegen vertrieben, ihr Vater war gebürtiger Sauerländer. Geprägt von einer großen Naturliebe studierte sie Landschaftsplanung und war nach mehreren beruflichen Stationen seit dem Jahr 2000 Professorin für Umweltplanung an der Jade Hochschule in Oldenburg. Als Pensionärin lebt Carola Becker wieder im Siegerland. Die Heimat ihrer schlesischen Herkunftsfamilie war für sie stets ein erzähltes, zugleich fremdes und belastendes zweites Zuhause. Erst 2023 ist sie zum ersten Mal nach Waldenburg gefahren.

Entwurzelt


Irrfahrt ins Ungewisse


Dienstag, 7. Mai 1946. Die Sonne scheint an diesem warmen Frühlingstag. Am Waldenburger Bahnhof Altwasser werden meine Großeltern mit ihrem damals zwölf Jahre alten Sohn gemeinsam mit weiteren Mitgliedern der Familie in den Viehwaggon eines Zuges verfrachtet. Ihre Tochter war nicht darunter. Ein klein wenig Handgepäck hatten sie bei sich. Das Ziel der bevorstehenden Fahrt kannten sie nicht. „In die britische Zone“, so hieß es wenig glaubwürdig. Misstrauen herrschte, denn das vergangene Jahr war angefüllt gewesen mit Gerüchten, spärlichen und widersprüchlichen Informationen über die Zukunft Niederschlesiens in einem sich neu ordnenden weltpolitischen Machtgefüge.

Ein Jahr zuvor, am 7./8. Mai 1945, hatte der Zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht sein Ende gefunden, Europa war in einem sechs Jahre währenden brutalen Kriegsgeschehen erschüttert worden, die Herrschaft des Nationalsozialismus war in sich zusammengebrochen. Vor allem das westliche Niederschlesien war bis zum Kriegsende ein Ort der Ruhe gewesen – soweit man davon in der Zeit des Nationalsozialismus überhaupt sprechen kann. Krieg und Zerstörungen fanden überwiegend in der Ferne statt. Das hatte sich schlagartig mit der Kapitulation geändert. In diesem ersten Nachkriegsjahr hatten meine Vorfahren in Waldenburg schwerste Nachbeben des Krieges erlebt. Nun wurden sie gezwungen, ihr bisheriges Leben endgültig zu verlassen – auf einer etwa viertägigen Irrfahrt ins Ungewisse. Erst langsam erahnten sie, dass der Zug nicht nach Osten fuhr, wie manch einer als Rache für die Gräueltaten des nationalsozialistischen Deutschlands befürchtete. Mein Onkel schreibt: „Wir fürchteten, Sibirien sei das Ziel – auch eine Folge der Nazi-Propaganda.“1 Der spärliche Schein der aufgehenden und untergehenden Sonne, die ihre Strahlen durch die Ritzen der Waggons schickte, brachte langsam Gewissheit: Es ging Richtung Westen. In Helmstedt wurde die Menschenfracht umgeladen und von den britischen Besatzern übernommen. Das Ziel ihrer Weiterfahrt war nach wie vor unbekannt. „Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, welch ein Erlebnis es war, als in Helmstedt das Deutsche Rote Kreuz die Waggons öffnete und uns warmen Kaffee anbot. […] Es ging dann weiter ins Siegerland.“2

Abb. 1: Ein Transportzug der operation swallow.3

Samstag, 11. Mai 1946. Der Zug mit etwa vierzig Waggons fährt in den Hauptbahnhof Siegen ein. Zögerlich und verunsichert steigen ungefähr 1500 Menschen aus. Jeder bepackt mit einem eigenen und einmaligen Schicksal. Als anonyme Menge werden sie in ein Lager verbracht. Dem Elend in der Heimat waren sie entronnen, aber nicht aus eigenem Willen. Keine Flucht.4 Übe