Entwurzelt
Irrfahrt ins Ungewisse
Dienstag, 7. Mai 1946. Die Sonne scheint an diesem warmen Frühlingstag. Am Waldenburger Bahnhof Altwasser werden meine Großeltern mit ihrem damals zwölf Jahre alten Sohn gemeinsam mit weiteren Mitgliedern der Familie in den Viehwaggon eines Zuges verfrachtet. Ihre Tochter war nicht darunter. Ein klein wenig Handgepäck hatten sie bei sich. Das Ziel der bevorstehenden Fahrt kannten sie nicht. „In die britische Zone“, so hieß es wenig glaubwürdig. Misstrauen herrschte, denn das vergangene Jahr war angefüllt gewesen mit Gerüchten, spärlichen und widersprüchlichen Informationen über die Zukunft Niederschlesiens in einem sich neu ordnenden weltpolitischen Machtgefüge.
Ein Jahr zuvor, am 7./8. Mai 1945, hatte der Zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht sein Ende gefunden, Europa war in einem sechs Jahre währenden brutalen Kriegsgeschehen erschüttert worden, die Herrschaft des Nationalsozialismus war in sich zusammengebrochen. Vor allem das westliche Niederschlesien war bis zum Kriegsende ein Ort der Ruhe gewesen – soweit man davon in der Zeit des Nationalsozialismus überhaupt sprechen kann. Krieg und Zerstörungen fanden überwiegend in der Ferne statt. Das hatte sich schlagartig mit der Kapitulation geändert. In diesem ersten Nachkriegsjahr hatten meine Vorfahren in Waldenburg schwerste Nachbeben des Krieges erlebt. Nun wurden sie gezwungen, ihr bisheriges Leben endgültig zu verlassen – auf einer etwa viertägigen Irrfahrt ins Ungewisse. Erst langsam erahnten sie, dass der Zug nicht nach Osten fuhr, wie manch einer als Rache für die Gräueltaten des nationalsozialistischen Deutschlands befürchtete. Mein Onkel schreibt: „Wir fürchteten, Sibirien sei das Ziel – auch eine Folge der Nazi-Propaganda.“1 Der spärliche Schein der aufgehenden und untergehenden Sonne, die ihre Strahlen durch die Ritzen der Waggons schickte, brachte langsam Gewissheit: Es ging Richtung Westen. In Helmstedt wurde die Menschenfracht umgeladen und von den britischen Besatzern übernommen. Das Ziel ihrer Weiterfahrt war nach wie vor unbekannt. „Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, welch ein Erlebnis es war, als in Helmstedt das Deutsche Rote Kreuz die Waggons öffnete und uns warmen Kaffee anbot. […] Es ging dann weiter ins Siegerland.“2
Abb. 1: Ein Transportzug der operation swallow.3
Samstag, 11. Mai 1946. Der Zug mit etwa vierzig Waggons fährt in den Hauptbahnhof Siegen ein. Zögerlich und verunsichert steigen ungefähr 1500 Menschen aus. Jeder bepackt mit einem eigenen und einmaligen Schicksal. Als anonyme Menge werden sie in ein Lager verbracht. Dem Elend in der Heimat waren sie entronnen, aber nicht aus eigenem Willen. Keine Flucht.4 Übe