Einführung
Das Naturvolk der Samen und ihre Zauberwörter
Im Jahr 2002 lernte ich die Volksmärchen und Legenden Lapplands kennen. Ich war so angetan von der Weisheit dieses letzten Naturvolks Europas, dass ich in seine Kultur eintauchte und alle Bücher über sie las, die ich fand. Ich schaute mir auch die Landschaften dieses Landes an und ging mit meinem Geist dorthin spazieren. Ich hörte eine Herde von Tausenden Rentieren über das Land rennen und war zutiefst bewegt von dieser machtvollen Kraft. Ich saß in einem Zelt und hörte zu, was ein altes samisches Ehepaar sprach. Mein Interesse galt auch ihren Gesängen und Heilmethoden. Da ihre Landschaft eher karg und der Winter zu lang ist, um Heilkräuter anzubauen oder zu ernten, lernten die Samen, die Kinder der Sonne, wie sie sich selbst nennen, mit Gesängen und Kraftwörtern zu heilen. Es handelt sich um die Wortmedizin. Die Samen kennen für jede Krankheit ein Wort oder einen Satz. Und natürlich tragen ihre Legenden Kraftwörter in sich. Wenn sie erzählt werden, werden sie ausgesprochen und beginnen zu wirken und zu heilen. So sind die Samen ein Volk, das das alte Wissen der Zauberwörter in sich trägt.
Und so schenke ich dir am Anfang dieses Buches ein sämisches Zauberwort. Es steht für alles, was wirklich schön, wertvoll und heilig ist:
SÄPMI
Und vielleicht ist dieses Wort der Schlüssel zum neuen Zeitalter. Denn nur wer die wahre Schönheit mit dem Herzen sieht, nimmt den verborgenen Reichtum wahr. Oder mit den Worten eines Gnomenkönigs aus dem Naturreich: »Die Menschen werden erst reich, wenn sie gelernt haben, ihren inneren Reichtum zu sehen.«
Die Legende von Jubmel1
In der prophetischenLegende vom Gott Jubmel erzählen die Samen von einer Zeit, als Lappland ein reiches Land war, ein goldenes Land. Die Erde war fruchtbar, das Wetter warm, den Menschen ging es gut, und sie waren wohlhabend.
Als Jubmel, der Gottvater oder große Schöpfer, Lappland, das Land der Samen schuf, war es ein wunderbares, reiches Land: Die Berge waren aus Gold und Silber, die Wälder groß und dicht, und die Bäume trugen fein schmeckende Früchte.
Dann wurden die Menschen streitsüchtig und gierig, und Gott wurde es leid. Er kehrte die Welt um, so dass alle Schätze unter der Erde verschwanden, in das Erdinnere gelangten, und es oberhalb der Erde karg und leer wurde.
Erst wenn die Menschen einander wieder achtsam und mit dem Herzen begegnen würden, würde die Erde wieder so sein wie damals, mit ihrer ganzen Schönheit und Fülle und ihrem Reichtum. In der Legende steht …
Aber ein großer Streit kam über das Land. Der habgierige und jähzornige Attjis tötete seinen gutherzigen Bruder Njavvis. Jubmel verbannte Attjis zur Strafe auf den Mond. Und da er sah, dass Reichtum und Überfluss nicht gut für den Menschen waren, beschloss er, allen Überfluss zu verbergen. Die Menschen sollten ihn nicht finden, ohne danach zu suchen und dafür zu arbeiten: an sich selbst zu arbeiten. Er kehrte das ganze Land um: das Untere nach oben und das Obere nach unten. Das Gold und Silber der Berge verbarg er unter Erdreich und Gestein, und er verbarg den Reichtum der Wälder. Erst wenn die Menschen genauso gut im Herzen wie Njavis wären, würden sie die Reichtümer wiederfinden, und die frühere Goldene Zeit würde wiederkehren. Seitdem ist das Land karg und arm, denn Lappland ist ein verzaubertes Land.
Solange die Samen ihre Kultur pflegen konnten, waren sie ein starkes, naturverbundenes Volk geblieben. Mit ihrer Kultur konnten sie die innere Sonne nähren, wenn