1. KAPITEL
Manhattan, einundzwanzig Monate später
Erin stand neben dem Kinderbett und beobachtete, wie ihrer einjährigen Tochter nach langem, trotzigem Kampf gegen die Müdigkeit endlich die Augen zufielen. Das kleine Zimmer war in gedämpftes, rotierendes Licht getaucht, das die Umrisse von Einhörnern, Hunden, Hasen und Vögeln an die Decke warf, die sich in einem endlosen Kreislauf gegenseitig jagten.
Ein zärtliches Lächeln umspielte Erins Lippen. Ashling war ein robustes, temperamentvolles kleines Mädchen, das mit der olivfarbenen Haut und dem dunklen, lockigen Haar ganz nach seinem Vater kam. Das Einzige, was sie von ihrer Mutter geerbt hatte, waren die haselnussbraunen Augen.
Erin hatte sich schon fast an den ziehenden Schmerz in der Herzgegend gewöhnt, der sie jedes Mal, wenn sie ihre Tochter ansah, an Ajax Nikolau erinnerte.
„Du kannst es nicht länger aufschieben, Liebes“, hatte ihr Vater heute gesagt. „Er muss es erfahren. Ashling kann ja schon fast laufen.“
Erin wusste, dass er recht hatte. Tatsächlich hatte sie bereits mehrere Versuche unternommen, Ajax Bescheid zu geben. Sie hatte ihm sogar einen Brief geschrieben, der jedoch unbeantwortet geblieben war. Vielleicht hätte sie auf eine Rückmeldung drängen sollen, doch sie hatte es nicht getan. Zum Teil aus Stolz, zum Teil wegen der unerwünschten Erinnerung an ihre eigene Geschichte.
Vor sich selbst hatte sie es mit Zeitmangel gerechtfertigt. Schließlich war es keine Kleinigkeit, ihrer Rolle als alleinerziehende Mutter und gleichzeitig ihrem neuen Job gerecht zu werden. Um fair zu sein, hatte Ajax damals nachdrücklich betont, dass sie unter keinerlei Druck stünde, die Firma zu verlassen. Er hatte ihr sogar einen Wechsel zu einem anderen New Yorker Standort vorgeschlagen, sodass sie einander nicht mehr sehen müssten.
Kurz war sie versucht gewesen, darauf einzugehen, aber es hätte die Dinge nicht wirklich einfacher gemacht. Ajax Nikolau war im gesamten Unternehmen omnipräsent, ob sie ihn nun sah oder nicht. Und die Kollegen redeten. Sie hätte ständig Gerüchte darüber aufgeschnappt, mit wem er gerade zusammen war, was auf die Dauer unerträglich gewesen wäre. Denn so ungern Erin es auch zugeben mochte, war er ihr tiefer unter die Haut gegangen, als sie es für möglich gehalten hätte.
Dabei war das, was sie tatsächlich über ihn wusste, lächerlich wenig. Sie hatten nur ein einziges richtiges Gespräch miteinander geführt, und auch das war nicht sehr persönlich gewesen. Fest stand nur, dass sie in völlig verschiedenen Welten lebten. Dass das, was zwischen ihnen geschehen war, genauso untypisch für ihn war wie für sie.
Was wohl auch der Grund dafür war, dass er sie nach ihrer zweiten gemeinsamen Nacht so rigo