“Darf ich in den Fußballverein?”, fragte Kai seine Eltern beim Abendessen ziemlich unvermittelt. “Warum ausgerechnet Fußball?”, fragte Vater Jörg zurück. “Tom aus meiner Schule spielt auch im Verein. Er hat erzählt, dass sie am letzten Samstag mit zehn Mann spielen mussten, weil sie zu wenig Spieler haben und dass sie deshalb ein Spiel verloren haben, dass sie zu elft gewonnen hätten”, erklärte Kai. “Und warum willst ausgerechnet du dann mitspielen? Es gibt doch genug andere Jungs in deiner Klasse”, sagte Jörg. “Wir spielen in der Pause immer auf dem Schulhof und da bin ich einer der Besten. Das macht voll Spaß, ich wäre im Verein sicher gut aufgehoben. Bitte lasst mich in den Verein”, bettelte Kai. “Kommt gar nicht in Frage”, entgegnete Mutter Heike. “ Fußball ist ein Proletensport, die treten sich die Knochen kaputt. Da habe ich viel zu viel Angst um dich.” “Muss es denn unbedingt Fußball sein?”, fragte Jörg. “Kann es nicht Tennis sein oder Leichtathletik? Du bist doch gut im Laufen und Weitsprung, das wäre doch viel eher was für dich.” “Nein, ich will Fußball spielen”, beharrte Kai. “Aber die benehmen sich wie die Rüpel, haben Ausdrücke an sich, die ich hier gar nicht wiedergeben will”, ergänzte Jörg. “Die Kinder doch nicht, wir benehmen uns”, meinte Kai. “Wir beenden jetzt die Diskussion, du gehst nicht zum Fußball”, schloss Heike das Thema ab und ging in den Garten.
Kais Eltern hatten mit Fußball nichts am Hut. Bei großen Turnieren schauten sie die Spiele der Nationalmannschaft im Fernsehen, um bei Kollegen und Freunden mitreden zu können. Ansonsten nahmen sie nur die schlechten Nachrichten über schlimme Verletzungen oder Fanausschreitungen wahr. Welche Faszination Fußball gerade auf Kinder haben kann, bekamen sie nicht mit, auf dem örtlichen Sportplatz waren sie noch nie. Jörg spielte Badminton im Verein, Heike ging zur Gymnastik. Kai war früher mal im Kinderturnen, das hatte ihm aber keinen Spaß gemacht, also wurde er wieder abgemeldet.
Wie konnte er es schaffen, seine Eltern davon zu überzeugen, dass er es zumindest mal im Verein versuchen dürfte? Die ganze Nacht grübelte Kai, doch es fiel ihm nichts Gescheites ein. Zu tief waren die Vorurteile gegen diese Sportart in den Köpfen seiner Eltern verankert. Zumindest könnten seine Eltern aber doch mal mit ihm auf den Sportplatz gehen und sich ein Spiel von Tom anschauen. Das wäre doch vielleicht mal ein Anfang. Kai fragte Tom am nächsten Tag in der Schule, wann denn das nächste Spiel sei. “Am Samstag um 15 Uhr gegen Hainbach”, sagte Tom. “Komm doch mal vorbei.” “Das habe ich vor, deshalb habe ich gefragt”, antwortete Kai. “Meine Eltern verbieten mir, in den Verein zu gehen und ich will sie überzeugen, dass es nichts Schlimmes ist, Fußball zu spielen.”
Am Samstag nach dem Mittagessen sprach Kai seine Eltern an. “Um 15 Uhr spielt Grün-Weiß gegen Hainbach. Kommt ihr mit auf den Sportplatz? Dann könnt ihr Tom mal spielen sehen und euch davon überzeugen, dass Fußball nicht schlimm ist.” “Auf keinen Fall”, antwortete Heike sofort. “Warum eigentlich nicht? Ein bisschen frische Luft tut gut. Ich komme mit”, sagte Jörg. Kai freute sich, der erste Schritt war getan.
Das Spiel lief bereits, als Kai und Jörg am Sportplatz ankamen. Audorf spielte in grün und weiß, wie es der Vereinsname erahnen ließ, Hainbach ganz in rot. Es war ein Spiel auf Augenhöhe mit vielen Zweikämpfen im Mittelfeld. “Erwin, geh mal richtig rein, zeig es der Lusche da”, schrie ein Vater. “Ey, mach mal langsam, sonst komm ich dir rüber”, kam es von einem Vater der Gegenseite zurück. Da spielte Hainbach einen Steilpass in die Spitze, der Stürmer erlief sich den Ball und donnerte ihn zum 0:1 in die Maschen. Die Hainbacher Spieler jubelten, der Audorfer Trainer gestikuliere wild mit seiner Fahne in Richtung des Schiedsrichters. “Schiri du Blinder, das war drei Meter Abseits”, brüllte Erwins Vater mit hochrotem Kopf. Doch der Schiedsrichter gab das Tor und es ging mit Anstoß weiter. Kai schaute zu seinem Vater. Das erste Vorurteil war erfüllt, mindestens ein Zuschauer benahm sich gründlich daneben. “Das hätte er wirklich sehen müssen, das Abseits hätte ja selbst ich erkannt”, sagte Kai. “Ja, aber das kann man dem Schiedsrichter auch anders deutlich machen”, antwortete Jörg. Drei Minuten später flog ein hoher Ball durchs Mittelfeld. Tom und sein Gegenspieler stiegen zum Kopfball und stießen in der Luft mit den Köpfen dermaßen zusammen, dass der Knall deutlich zu hören war. Während sich der Hainbacher Spieler nur kurz schüttelte und wieder aufstand, blieb Tom regungslos am Boden liegen. Der Schiedsrichter unterbrach das Spiel und winkte den Trainer aufs Feld. Sofort bildete sich eine Spielertraube um Tom. Kai wollte auch hinlaufen und nach seinem Freund schauen, doch Jörg hielt ihn am Arm fest. “Du bist Zuschauer, du bleibst hier”, befahl er. Kai nickte. “Er ist bewusstlos, Krankenwagen, sofort!”, rief Toms Trainer. “Sind Toms Eltern da?” Nein, waren sie nicht. Der Vater eines anderen Spielers griff zum Handy und wählte den Notruf. Der Schiedsrichter rief beide Trainer zu sich, sie besprachen sich kurz, dann pfiff er dreimal und signalisierte damit, dass das Spiel beendet war.
Der Trainer ging wieder zu Tom. Er war inzwischen wieder bei Bewusstsein, hatte eine stark blutende Platzwunde am Kopf. Nach zehn Minuten kam der Krankenwagen. Die Sanitäter checkten Toms Reaktionen, legten ihn dann auf die Trage, luden ihn ins Auto und fuhren ihn ins Krankenhaus. Als der Audorfer Trainer auf dem Weg in die Kabine war, hielt Kai es nicht mehr aus. Er rannte zu ihm. “Ich bin Kai, Toms Freund. Was ist mit Tom?”, fragte er. “Er hat eine Platzwunde und sicher auch eine Gehirnerschütterung, das wird jetzt im Krankenhaus abgeklärt”, antwortete der Trainer. “Ich würde ja gerne hier im Verein spielen, aber meine Eltern erlauben es mir nicht”, sagte Kai. “Nicht jetzt”, antwortete der Trainer, “ich habe gerade andere Sorgen.” Jörg zog Kai weg und sie gingen nach Hause. Auf dem Weg sprachen sie kein Wort miteinander. Das Geschehene hatte bei beiden Spuren hinterlassen.
Als sie zu Hause ankamen, ging Kai sofort in sein Zimmer, schlug die Tür hinter sich zu, warf sich auf sein Bett und fing an zu weinen. “Alles aus, das war’s mit Fußball”, dachte er. “Alles, was meine Eltern gegen Fußball haben, ist in diesen paar Minuten auf dem Platz passiert. Thema erledigt, das werden sie mir nie erlauben.”
“Und wie war es auf dem Sportplatz? Ihr seid ja früh zurück”, fragte Heike. Jörg atmete tief durch und schüttelte den Kopf. “Hab ich doch gesagt - es hat keinen Sinn”, lächelte Heike überlegen. “Nein, so war es nicht. Ein Vater hat sich danebenbenommen und den Schiedsrichter beschimpft”, fing Jörg an. “Proleten halt, da geht Kai auf keinen Fall hin”, fühlte sich Heike bestätigt. “Na ja, wenn die Mannschaft meines Sohnes benachteiligt würde, wäre ich auch sauer”, meinte Jörg. “Aber es ist noch was passiert. Tom hat sich beim Kopfball böse verletzt und ist ins Krankenhaus gebracht worden. Daraufhin wurde das Spiel abgebrochen.” “Habe ich doch gesagt, die treten sich die Knochen kaputt”, sagte Heike. “Die sind beide zum Kopfball hoch, haben nur nach dem Ball geschaut, dann sind sie zusammengerasselt. Das war kein Foul, da war keine Absicht dabei, das war einfach Pech. Wenn ich beim Badminton Doppel spiele und mir mit meinem Partner nicht einig bin, wir beide zum Ball gehen, kann mir das auch passieren”, erklärte Jörg. “Das heißt?”, fragte Heike. Jörg zuckte mit den Schultern. “Sport ist gut für den Körper, wir wollen, dass Kai sich bewegt. Wenn er unbedingt Fußball spielen will…” “Kommt gar nicht in Frage”, blieb Heike hart. “Ich will mein Kind nicht im Krankenhaus besuchen, weil irgendein Rüpel ihm den Kopf blutig schlägt.”
Jörg ging zu Kai ins Zimmer. “Verschwinde!”, fauchte Kai. “Hey Kai, ich bin doch auf deiner Seite”, sagte Jörg ruhig. “Was heute passiert ist, wird nicht in jedem Spiel passieren. So schlecht war das Spiel gar nicht. Jetzt ist der falsche Zeitpunkt, mit Mama zu reden, sie stellt jetzt total auf stur. Aber warte mal ein paar Wochen, dann können wir es ja nochmal versuchen.” Kai war überrascht, damit hatte er nicht gerechnet. Überglücklich fiel er seinem Vater um den Hals. “Bitte setze dich für mich ein, ich will Fußball spielen”, flehte er. “Wir machen das schon. Kommt Zeit - kommt Rat”, sagte Jörg und verließ Kais Zimmer.
Am Donnerstag war Tom wieder in der Schule. “Wie geht’s dir?”, fragte Kai. “Ich war am Samstag auf dem Sportplatz und habe gesehen, was passiert ist.” Tom zeigte das...