1. KAPITEL
Vittorio Vitale schenkte sich einen äußerst edlen irischen Whiskey ein. Er hob sein Glas und ließ den Blick über Rom schweifen. Die Ewige Stadt lag ihm im goldenen Licht der Nachmittagssonne zu Füßen.
Sein Reich.
Er trank einen tiefen Schluck des honigfarbenen Drinks, der ihm mit einem feinen Brennen die Kehle hinunterlief. Ein warmes Triumphgefühl breitete sich in ihm aus.
Was für ein Tag. Endlich war er auf dem Gipfel seiner …
Das Summen der Gegensprechanlage auf seinem Schreibtisch unterbrach seine Gedanken. Ärgerlich drückte er eine Taste. „Tommaso, ich hatte doch darum gebeten …“
„Verzeihen Sie,signore, ich weiß. Aber … ähm … Ihre … Warten Sie! Sie können nicht einfach …“
Die Tür zu Vittorios Büro flog auf, und eine Frau erschien auf der Schwelle. Eine Frau im vollen Brautstaat. Sie trug ein aufwendiges weißes Kleid aus mehreren Lagen feinster Spitze, hochgeschlossen, mit langen Ärmeln. Der ausladende Rock nahm die gesamte Türöffnung ein.
Die Wangen der Frau leuchteten hochrot. Ihr Haar war zu einem strengen Dutt frisiert, darüber trug sie einen zarten weißen Schleier. In der einen Hand hielt sie einen kunstvoll gebundenen, förmlichen Brautstrauß. Die Frau umklammerte ihn wie ein Schwert.
Vito begegnete dem Blick seines Assistenten, der hinter der Frau auftauchte. „Schon gut, Tommaso.“
Er würde seine Feier einen Moment verschieben müssen. Flüchtig dachte er an die Frau, mit der er sich später treffen würde, eines der schönsten Models Italiens, eine atemberaubende Schönheit. Nichts würde ihn von seinen Plänen für diesen besonderen Abend abbringen.
Aber offensichtlich musste er sich zumindest kurz dieser Frau widmen, die er hätte heiraten sollen. Vor zwei Stunden.
Er warf einen Blick auf die Uhr und streckte eine Hand aus. „Signorina Gavia, kommen Sie doch herein.“
Signorina Gavia? Und: Hatte Vittorio Vitale wirklich gerade auf seine Armbanduhr gesehen, als wäre sie eine lästige Störung für ihn? Der Mann, auf den sie im Vorraum der Kirche soeben eine ganze Stunde gewartet hatte? So lange, bis sie zu der unvermeidlichen Einsicht gelangt war, dass er nicht kommen würde.
Das wutverzerrte Gesicht ihres Onkels stand ihr vor Augen. Er hatte sie angeschrien, es sei ihre Schuld, und alles sei zerstört. Und kurz bevor er zusammen mit seiner Frau, Floras Tante, davongestürmt war, hatte er Flora erklärt: „Der kleine Nutzen, den ich von dir hatte, ist aufgebraucht. Vierzehn Jahre lang warst du nur eine Last. Jetzt bist du für mich ge